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Börsenblatt für den deutschen Buchhandel : 15.12.1880
- Strukturtyp
- Ausgabe
- Band
- 1880-12-15
- Erscheinungsdatum
- 15.12.1880
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- Deutsch
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5414 Nichtamtlicher Theil. 291, 15. December. unschuldiger Anlaß eines großen Unglücks; die Mutter starb wenige Tage nach der Geburt, noch vier Söhne außer dem Neuankömmling zurücklassend. Als die Sorge um die Erhaltung des Kindes zu schwinden begann, als der Knabe die gefahrvollste Lebensperiode, die ersten fünf Monate, glücklich überstanden hatte, trat auch das Ereigniß ein, das der Vater mit Sehnsucht erwartet hatte; am 24. Mai capitulirte Magdeburg und wurde von seinen fremdländischen Drängern befreit. Nachdem seine älteren Brüder »och die Schule unter der französischen Regierung hatten besuchen müssen und gezwungen gewesen waren, aus ihren Schulbüchern den großenKaiserNapolcon als den Herrgott auf Erden erkennen zu lernen, konnte Wilhelm Schultze gleich beim Eintritt in die Schule von dem durch die preußische Regierung neueingesührten Altensteinischen System des Volksunterrichts Nutzen ziehen. Ein Jahr vor seinem ersten Schul gange hatte das Gesetz von 1819 die gänzliche Umgestaltung des Unterrichts geschaffen, welche Preußen zum Staat der Intelligenz gemacht hat. Nach Absolvirung der „Klippschule" kam der Knabe in die sogenannte Handelsschule (wie man damals die Realschulen nannte) und gab sehr bald Anlaß, daß sich seine Angehörigen über ihn freuen konnten. Mehr noch als das Lob der Lehrer trug die An hänglichkeit aller seiner Kameraden dazu bei. Von seiner Mutter (die Bezeichnung Stiefmutter wäre für des Vaters wackere zweite Gattin unrecht) wurde der Benjamin der ersten Generation um so mehr geliebt, als er die Sympathien von allen seinen Genossen erntete. Die brave Frau (sie war die jüngere Schwester der Ver storbenen) schätzte des Knaben selbstloses Wohlwollen so hoch, weil auch sie kein größeres Glück kannte, als Anderen nützlich zu sein. Die Coufirmation und die Berufswahl fielen auch in Wilhelm's Leben zusammen, es wurde beschlossen, der Junge solle des Großvaters Zögling werden, und so kan: er denn mit dem Beginn seines 15. Jahres in eine der ältesten Buchhandlungen von Leipzig. Herr Paul Gotthelf Kummer war schon ein halbes Jahr hundert lang etablirt, als sein Enkel 1829 bei ihm erschien, um zu lernen, wie man Literatur schafft und verbreitet. Wer den alten Herrn persönlich gekannt hat, der vindicirt demselben gern alle guten Eigenschaften, nur nicht diejenigen, die ein warmes junges Herz ersreuen können. Aus einem lebenssrischen fröhlichen Familien kreise kam Wilhelm Schultze in ein Haus, darin neben dem hoch betagten Großvater ein Hagestolz-Onkel und eine unvcrheirathete alte Tante wohnten, und fand für sein lebhaftes Temperament bei keinem der drei vereinsamten Herzen Anklang. Auch seine geschäft liche Thätigkeit konnte ihm nur sehr wenig Genuß gewähren. Der Betrieb des Buchhandels vor fünfzig Jahren, wo auch der Unter zeichnete ihn praktisch kennen lernte, stellte die Lehrlinge der Literaturverbreitung kaum besser, als die der Handwerker. Wir mußten viele niedere Dienste leisten und unser Ideal, die Pflege nützlicher und angenehmer Kenntnisse, tief in der Brust verborgen halten. Nach der alten Methode war die Lehrzeit fünf Jahre; man erreichte demnach als „Freigesprochener" meist den Zeitpunkt der Militär-Dienstzeit. Bei Wilhelm Schultze kam mit dem Dienst die Freiheit. Als Freiwilliger des 2K. Infanterie-Regiments in seiner Vaterstadt lernte der lange von jedem freundlichen Verkehr mit Genossen fern gehaltene junge Mann viele treffliche Kameraden kennen, zum Theil Jünger der Wissenschaft, Studenten, und der anregende Umgang mit diesen gleichstrebenden Freunden war um so wohlthuender für ihn, als er sofort die Liebe Aller gewann. Ein Jahr nach der Dienstzeit finden wir den jungen Buch händler in Holland. Unsere germanischen Vettern in den Nieder landen beziehen ihre geistige Nahrung zum größten Theile aus der deutschen Literatur; namentlich sind alle unsere wissenschaftlichen Werke sür sie maßgebend. Eine der ältesten Buchhandlungen Hollands, welche deutsche Bücher importirte, war diejenige von R. Natan in der Universitätsstadt Utrecht. Als in derselben eine Ge hilfenstelle frei wurde, trat Schultze sehr gern ein; er wußte, daß die holländische Akademie ihm viel Gelegenheit zur weiteren wissen schaftlichen Ausbildung bieten würde und daß er Gelegenheit habe, sich mit dem Geschäft der Buchdruckerei vertraut zu machen. Eine Ergänzung seiner Kenntnisse nach dieser Seite war längst sein Wunsch gewesen, und mit aller ihm eigenen Gründlichkeit studirte er Theorie und Praxis der Kunst Gutenberg's. Schultze hatte eben das dreißigste Jahr erreicht, als ein Brief des Eigenthümers der Kölnischen Zeitung ihn im Jahre 1844 nach der rheinischen Metropole berief. Der Buchhändler Herr Joseph DuMont warb in ihm einen Kollegen an zur Leitung des Zeitungs und Buchdruckerei-Geschäfts, welches uni jene Zeit einer Umgestal tung unterzogen wurde, die nachmals die Basis des deutschen Welt blattes geworden ist. Und der neue College ward des journalistischen Reformators, ward Joseph Du Mont's Genosse und Theilnehmer in ähnlicher Weise, wie es Melanchthon neben Luther, wie es Gneisenau neben Blücher geworden ist. Unterstützt von Schultze's Rath und Hilfe, konnte Du Mont in siebzehn Jahren, von 1844 bis 1861, die Kölnische Zeitung aus einem Provinzialblatte zu dem ersten Organ Deutschlands erheben, konnte er die Du Mont-Schauberg'sche Buch druckerei auf ähnliche Höhe bringen, wie die größten in Leipzig bestehenden typographischen Anstalten. Kaum 50 Jahre alt, starb Joseph DuMont, ein Opfer seiner rastlosen Thätigkeit. Er kannte keine Schonung seiner Gesundheit, wenn sein Pflichtgefühl ihn trieb; er trat oft Nachts an den Setz kasten, wenn eine Depesche eine Extra-Ausgabe erheischte; er lebte und webte nur in seinem Berus. Als wir am 6. März 1861 den genialen Mann zu Grabe getragen hatten, entstand in vielen Gruppen der vom Friedhos Heimkehrenden die Frage: „Wer übernimmt die große Verantwort lichkeit des Verstorbenen, wer kann ein Unternehmen, welches einen vollendeten Geschäftsmann, einen gewiegten Politiker, einen exacten Menschenkenner, einen universell gebildeten Gelehrten — alles in einer Person vereint erfordert, fortführen und leiten?" Die Frage war schon beantwortet durch desHeimgegangenen Testa ment. Joseph Du Mont hatte seinen seit 17 Jahren bewährten Freund und Assistenten Schultze in alle Rechte eingesetzt, die er selbst im Geschäfte ausgeübt gehabt. Wir können es uns nicht zur Ausgabe machen, die große Ent wickelung der Kölnischen Zeitung unter Schultze's Leitung in den letzten zwanzig Jahren zu schildern. Das im vorigen Sommer erschienene Prachtwerk „Geschichte der Kölnischen Zeitung und ihrer Druckerei" (Köln, M. Du Mont-Schaubcrg) ist vollständig erschöpfend bis aus den Punkt, daß es Schultze's große Verdienste nicht betont, denn er selbst ist der Verfasser. Wer das schöne Buch liest, fragt wohl wiederholt und mit Recht: Wie konnte eines Mannes Thä tigkeit ausreichen für ein Amt, das, wenn es zu den Staatsämtern gehört hätte, auf mindestens vier leitende Köpfe vertheilt wor den wäre? Wilhelm Schultze ermöglichte die Durchführung seiner unzäh ligen und mannigfaltigen Pflichten lediglich durch die von ihm ge schaffene unvergleichliche Organisation des großen Institutes und durch die Art, wie er nicht bloß als Leiter und Ehest sondern auch als Schirm und Hort inmitten des großen Personals dastand. Er betrachtete die ganze Schaar der Mitwirkenden als seine Familie, jeden Einzelnen als seinen Angehörigen. Und jeder Einzelne gab
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