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Börsenblatt für den deutschen Buchhandel : 18.06.1904
- Strukturtyp
- Ausgabe
- Band
- 1904-06-18
- Erscheinungsdatum
- 18.06.1904
- Sprache
- Deutsch
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- Saxonica
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5304 Nichtamtlicher Teil. 13S, 18. Juni 1904. nun seinem Opfer sofort eine bestimmte Antwort geben, in dem er die Summe nennt, zu der er das Buch bewertet? Keineswegs, er nimmt den begehrten Schatz in seine Hand, wischt ihn mit dem Rockärmel ab, bewundert den Einband, schlägt das Werk ans, prüft sorgfältig etwaige Abbildungen, lobt den ausgezeichneten Druck, den guten Einband und spricht sehr gelehrt über die Seltenheit dieser Ausgabe. Dann zählt er die übertriebenen Preise auf, die das Werk bei gewissen Verkäufen gebracht hat und scheint zu zögern, ob er das Werk verkaufen soll oder nicht. Dadurch wird der kaufwillige Kunde nur noch mehr in seiner Absicht be stärkt, das Buch unter allen Umständen zu erwerben. Wenn er schließlich die Überzeugung erlangt zu haben scheint, daß dasselbe wirklich so wertvoll und selten ist, wird ihm der Preis gesagt; der Kunde freut sich, es so billig kaufen zu können, und rühmt sich bei seinen Freunden, daß er für so wenig Geld einen so wertvollen, seltenen Schatz be kommen hat. Mit der kleinen roten Flagge ist natürlich nicht das Banner gemeint, unter dem sich die Genossen sammeln würden, wenn sie der die Augen überall habende Schutz mann nicht daran hinderte, sondern diese Fahne bedeutet in den größeren Städten Englands, daß in dem Hause, wo sie aushängt, eine Auktion stattfindet. Wenn der Buch händler dem roten Banner sonst durchaus keine Gefolgschaft leistet, in diesem Falle wird er es gelegentlich gern tun, denn auf Auktionen bietet sich öfter Gelegenheit, seltene Objekte zu erwerben. Das Kapitel von den Auktionen steht in engem Zusammenhänge mit demjenigen von den Bücher liebhabern. Die Liebhaberei für Bücher ist für Leute, die es sich leisten können, entschieden die vornehmste und am meisten Genuß gewährende Liebhaberei. Es ist eine alte Erfahrung, daß Leute, die sich aus dem Geschäfte oder Amte zurückziehen, sehr häufig die größte Langeweile empfinden, mißmutig und launisch werden und schließlich aus reiner Langeweile sterben. Der Mann jedoch, der Bücher sammelt, seine Kenntnisse bereichert und ein Vergnügen daran findet, seltene Ausgaben oder Stiche zu sammeln, wird stets etwas zu tun haben und Anregung in seiner Liebhaberei finden. Unter den Sammlern gibt es manchmal sonderbare Käuze. Da ist ein alter Herr, der eine große Leidenschaft für Bücher besitzt. Man braucht ihm nur ein seltenes Buch zu zeigen, so kauft er es, also ein Mann nach dem Herzen jedes Buchhändlers. Das einzige, was ihn hinderte, ein hoffnungsloser Büchernarr zu werden, ist seine Frau, die alte abgenützte Bücher haßte. Er braucht alle mögliche List, um die gekauften Bücher ungesehen von seiner besseren Hälfte in die Wohnung zu schaffen und in seiner Bibliothek aufzustcllen. Wenn die Bücher zu umfangreich oder zahlreich waren, um sie in seine geräumigen Taschen zu stopfen, ließ er sie sich zu einer sehr frühen Stunde, wenn seine Frau noch nicht auf war, in seine Behausung bringen. Ein anderer Herr kaufte von Jahr zu Jahr sehr reichlich. Er vermehrte seine Bibliothek fortwährend; trotzdem schien dieselbe nicht größer zu werden und er hatte immer noch Ranm für neue Einkäufe auf seinen Büchergestellen. Wenn das Jahr herum war, schien er trotz aller Neuanschaffungen immer dieselbe Anzahl Bände zu besitzen wie am Anfang. Das Geheimnis war, daß bei einem der verschiedenen von den Männern so gefürchteten großen Reinemachen seine Frau die unansehnlichen und beschädigten Bände aus den Regalen ausmerzen und an irgend einen ihrem Mann un bekannten Trödler verlaufen ließ. Es gibt drei Arten von Bücherkäufern; den Buch händler, der Bücher kauft, um sie wieder mit Nutzen zu verkaufen, den Büchernarr, der Bücher anhäuft, weil ihm deren Besitz Vergnügen macht, und den Büchcrliebhabcr, der Bücher wegen ihres Inhalts, ihrer Schönheit und Seltenheit und wegen der gedanklichen Vorstellungen kauft, die sich bei ihm mit dem Buche verknüpfen. Der Antiquar kaust gewöhnlich aus privater Hand oder auf Auktionen. Der Amateur gibt auf Auktionen für seine Wünsche gewöhnlich mehr aus, als wenn er einen Buchhändler mit deren Er füllung beauftragt hätte. Wenn ein Neuling im Auktions lokal sieht, wie billig Bücher dort abgehen, und nun ein Werk unter den Hammer kommt, das er zu haben wünscht, so bietet er und bietet in seinem Eifer so lange fort, bis ihm plötzlich das Buch zu einem Preise zugeschlagen wird, der viel zu hoch ist und den er gar nicht anlegen wollte. Ein reicher Herr sandte einmal einen seiner Angestellten zu einer Auktion, um einige seltene Bücher aus einer zur Versteigerung kom menden Bibliothek zu erstehen. Der Mann hatte Auftrag, ohne jede Preisgrenze zu kaufen. Davon hatten andere Mitbieter auf der Auktion erfahren und steigerten nun den Unglücksmenschen in unerhörter Weise, um ihn dann bei einer riesigen Summe sitzen zu lassem Auf den Bücherauktionen trifft mau die merkwürdigsten Gestalten an. Buchhändler, Studenten, Poeten, Literatur freunde, reichgewordene bücherliebhabende Krämer usw. drängen sich wie Motten zum Licht zu den Gefäßen mensch lichen Verstandes, so man Bücher nennet. Da ist ein sonderbares altmodisches Individuum, das auf keiner Bücher auktion fehlt. Er kennt jeden, spricht mit jedem, schüttelt jedem die Hand, macht gute und schlechte Witze und bietet jedem eine Prise an. Die Leute mit literarischen Neigungen sind gewöhnlich nicht sehr redselig und nicht gerade von sehr kräftigem Körperbau, aber dieser dicke kleine Mann mit seinem runden, roten Vollmondgesicht und seinem ewigen Lächeln macht davon eine Ausnahme. Ein anderer Typus ist der Mann, der bei keiner Bücherauktion fehlt, aber niemals ein Buch kauft oder ein Gebot macht. Er nimmt an allen Vor gängen das größte Interesse, weiß einen billigen Handel und gratuliert sarkastisch dem glücklichen Bieter, der ein Werk unter dem Werte erstanden hat. Er unterbricht den Auktionator fortwährend mit hörbaren Bemerkungen und mischt sich be ständig in Dinge, dis ihn nichts angehen. Sicher ist auch ein Mann anwesend, der Defekte in den Büchern aufdeckt. Er wartet, bis ein wertvolles Werk ausgeboten wird und gerade, wenn der Auktionator mit dem Hammer zuschlagen will, weist er mit einer merkwürdig rauhen Stimme darauf hin, daß irgend eine Tafel fleckig oder das Buch defekt ist. Lange Übung läßt billige Einkäufe sehr leicht herausfinden. Oft sind Leute von sehr geringem literarischen Geschmack oder mangelhafter Bildung die erfolgreichsten Buch händler. Manche Buchhändler kennen nur wenig die litera rischen Vorzüge der von ihnen verkauften Bücher. Es hat womöglich einer keine einzige Zeile von Ruskin gelesen, trotz dem vermag er aber den Geldwert der verschiedenen Aus gaben seiner Werke sehr gut abzuschätzen. Charles Dickens, der berühmte Erzähler, mag für ihn nur Charles Dickens, der Verfasser verschiedener Bücher sein, deren erste Ausgaben fürstliche Preise kosten. Ein Buchhändler von diesem Schlage, der weder Liebe noch Geschmack für die Literatur hat, gleicht einem Manne, der Häuser kauft und verkauft und sich nicht um die Leute kümmert, die darin wohnen. Der Einband, die Illustrationen, das Erscheinungsjahr, die äußeren Be sonderheiten, der Handelswert der Bücher sind die einzigen Dinge, die ihn interessieren. Er weiß nichts und kümmert sich nichts um die unsterbliche Seele, die in den Büchern lebt, mit denen er so leichthin umgeht Es ist unmöglich, den unbedingten Handelswert alter Bücher festzustellen. Es gibt unzählige Bücher über Bücher, aber es gibt kein Werk und kann auch keines geben, das in dieser Beziehung bestimmte Auskunft über die alten Bücher
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