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Börsenblatt für den deutschen Buchhandel : 01.05.1882
- Strukturtyp
- Ausgabe
- Band
- 1882-05-01
- Erscheinungsdatum
- 01.05.1882
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- Deutsch
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1888 Nichtamtlicher Theil. 9S, 1. Mai. der Tagesordnung. Vor uns liegt z. B., um nur eines anzu- sühren, ein Inserat von B.'s Verlagsanstalt in Pinneberg bei Hamburg über „Halbseitige Zeitungen", durch welches ein bis drei Mal wöchentlich aus der zweiten und dritten Seite bedruckte Zeitungsblätter 40-s-52 Cm. groß empsohlen werden; 100 Ex. 1.50. Versprochen wird u. a. eine „halb humoristisch ge schriebene politische Rundschau" und bemerkt: „die politischen Artikel sind in reserirendem Stile geschrieben, sodaß sie auch nach längerer Zeit nicht veralten". Bei Büchern setzt ein solches Manöver natürlich den festen Bezug einer bedeutenden Quantität, mindestens hundert Exem plare voraus. Was wird nun alles in Bewegung gesetzt, um diese Massen wieder unterzubringen, das der Eitelkeit geopferte Geld wieder herauszuschlagen. Mag der Colporteur aber auch darüber zu Grunde gehen: aus jeden Fall ist er nun „Verleger" geworden. Nicht viel besser ist im Großen und Ganzen der Eisenbahn buchhandel, der sich der Colportage als würdiger Compagnon bei gesellt hat und vielfach dieselben Gegenstände vertreibt wie jene, wenn er auch mehr auf die besser situirten Stände reflectirt, unter denen er freilich auch für seine elendeste Waare Käufer genug findet. Was für Elemente aus diese Weise in den Buchhandel eindringen und hier sich breit machen, möge uns wieder das „Special-Fach- und Schutzblatt" 1880, Nr. 8 selbst beschrei ben: „Die Gewerbefreiheit wird gerühmt, sie habe dem Buch handel manche, in früheren Verhältnissen nicht zu erobernde Kraft zugesührt, und, wir können es mit Recht gestehen, nicht zum Schaden. Wenn wir nun auch diese neu gewonnenen Kol legen mit Freuden begrüßen, so können wir nicht umhin, noch aus so viele andere hinzuweisen, welche täglich in den Buch handel eintreten oder sich als Buchhändler geriren, ohne weder zu diesem noch zu irgendeinem anderen kaufmännischen Unternehmen die geringste Fähigkeit zu besitzen, und diese sind es, welche den ganzen Stand herabwürdigen. Ein Jeder wird mit uns der Meinung sein, daß der Buchhändler mindestens doch die allernothwendigste Bildung besitzen muß, um dem lesenden Publicum gegenüber wenigstens mit gleichen Kenntnissen in der Literatur entgegenzutreten; er muß doch im Stande sein, über den Werth oder Inhalt des Werkes ic. ein Ur- theil abgeben zu können, auch beim Verkauf den Käufer aus dies oder jenes aufmerksam zu machen. Ein großer Theil von Buchhändlern steht jedoch auf solcher Bildungsstufe, daß er kaum ein Werk richtig zu lesen im Stande, ja, in einigen Fällen wenig mehr als seinen Nameuzuschreiben versteht; wie soll es denen wohl möglich sein, den gebildeten Käufer resp. Abonnenten zu befriedigen? Wird dieser nicht einen sehr wenig schmeichelhaften Begriff von dem Buchhandel erhalten?" Das könnte freilich leicht davon kommen! Aber unter diesen Blinden ist der einäugige Zeichner ihrer Skizze augenscheinlich ein wahres Bildungsphänomen. Doch, wären sic nur bloß unwissend! Das ehedem hochgeachtete Gewerbe wird verunehrt durch „industrielle Eindringlinge, die sich darum den Colportagebuchhandel zu ihren Manipulationen aussuchten, weil das Wuchergesetz sie von dem Betrieb der Halsabschneiderei zurück- hält" (Bolm). Ganz verzweifelte Geschäftspraktiken werden da berichtet. Wie sie das Vertrauen des Publicums in frevelhafter Weise mißbrauchen, so auch unter sich. Einigemal entnehmen sie Maaren von Grossisten gegen baar, „um nachher einen ihnen gewährten Credit ans das schamloseste auszubenten", dies bei dem nächsten Engrosgeschäst zu wiederholen und endlich in „directen Verkehr mit dem Verleger zu treten, den ein gleiches Schicksal erwartet". Doch auch im Colportage-Grossogeschäst herrscht „im Allgemeinen der rücksichtsloseste Egoismus und die schamloseste List", wenigstens in Berlin, und die „erbärmlichste Loncurrenz- > macherei" (Bolm), welche keinen Corporationsgeist, kein Standes gefühl aufkommen läßt. Woher sollte auch den Blutegeln am Volkskörper Standesehre und Gemeinbewußtsein kommen? Denn nicht aus dem Bedürfniß des Publicums beruht die Colportage, sondern aus dem Bedürfniß der Colporteure, wie der Handel der Engländer mit Baumwollenzeugen nicht ver ursacht ist durch die Neigung der wilden Polynesier, sich zu be kleiden, sondern durch die Neigung der britischen Fabrikanten, zu verkaufen. Ist es doch auch mit der christlichen Colportage nicht anders: sie entspringt mehr aus dem Drange, die Bibel und Tractate zu verbreiten, als aus dem Drange, Tractate und Bibel zu lesen. Die Colporteure suche» „unter hundert Fällen min destens fünfundneunzigmal diejenige Kundschaft aus und machen sie nutzbar, die sich um das Sortiment in hundert Jahren nicht kümmern würde und für diese so wie so vollständig nutzlos wäre". Es sind die am wenigsten bemittelten und am wenigsten ge bildeten Classen, Fabrikarbeiter und Tagelöhner, Handwerksge sellen, Dienstmädchen und Nähterinnen, welche damit für den Buchhandel „nutzbar" gemacht werden. Diese Fructificiruug könnte man sich gefallen lassen, wenn Garantien gegeben wären, daß es sich um gute Lectüre handelte. Aber schon unser flüch tiger Blick aus die Acteure läßt darin nichts Gutes ahnen. Noch bedenklicher werden uns die Mittel und Wege machen, durch welche dieses Geschäft sich realisirt. Da es nicht auf Verbreitung von Bildung und sittlichen Grundsätzen, sondern einfach auf Reichwerden abgesehen ist, be gnügt sich die Colportage natürlich nicht mit dem Hausiren, dem Bücherkasten auf dem Rücken. Nicht das Austragen der Bücher selbst ist ihr Beruf, dies geschieht nicht selten für sic von den ordentlichen Sortimentern, vielmehr das Abonnenten- sammeln für Lieferungswerke. Diese Form der Herausgabe, so trefflich für theure Bildwerke und werthvolle Encyklopädien, ist i» der Hand der Colportage eine gefährliche Schlinge geworden. Die Billigkeit des einzelnen Heftes, die allmähliche Abzahlung, die Möglichkeit, nach und nach das Ganze schritthaltend zu lesen, und die Aussicht auf eine leicht und billig erworbene prangende Hausbibliothek bewegt Biele zum Abonnement. Die Geschicklich keit des Colporteurs fängt Andere. Für ein solches Werk werden süns- bis sechshunderttausend Prospectc in die Welt geschleudert, von der ersten Lieferung werden zweihunderttausend Exemplare, von der zweiten Lieferung hunderttausend gratis vertheilt. Sie werden von dem Detaillisten rationell, „systematisch" verwendet, d. h. er trägt sie Haus bei Haus, Wohnung bei Wohnung, die bunten prahlerischen Prospectc zuerst und dann die lockenden An fangslieferungen. Nach einigen Tagen holt er sie zu weiterer Verwendung wieder ab und notirt die Abonnenten resp. bringt die Unentschlossenen zur Entscheidung. Während der Sortimenter vornehm wartet, bis der Kunde kommt, höchstens dem notorischen Bücherfreunde eine Ansichtssendung macht, wird vom Colporteur schlechterdings Jeder in Versuchung geführt. So ist es anzu sehen, wenn das Anpreisen und Borlegen in das Verlocken zum Kauf durch fremde Motive übergeht. Nicht mehr das Buch be wegt zum Abschluß des Geschäfts, sondern Bortheile der mannig fachsten Art, welche dadurch sollen erreicht werden können. Der Händler speculirt auf die Sucht reich zu werden, auf das Trachten zuerst nach mühelosem Gewinn. So werden Lotte rien eingerichtet, die bei dem so und sovielten Hefte gezogen werden und fabelhafte Gewinne enthalten sollen. Die älteste dieser Art ist wohl die mit dem „Lahrer Hinkenden Boten" ver bundene. Es folgten die von Scherl in Cöln (Roman: „Pistole und Feder"), Killinger in Wiesbaden, Lindenberg in Berlin u. a. m. Weder in buchhändlerischen Kreisen noch im großen Publi-
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