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Börsenblatt für den deutschen Buchhandel : 28.10.1903
- Strukturtyp
- Ausgabe
- Band
- 1903-10-28
- Erscheinungsdatum
- 28.10.1903
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- Deutsch
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251, 28. Oktober 1903. Nichtamtlicher Teil. 8593 Geldrollenbildung! Das ist eine Eigentümlichkeit auch des Buchhandels; und Herr Professor Bücher, der Wortführer der weißen Blutkörper des Literatur-Doppelkreislaufs, ist in seiner Schrift nicht wenig ungehalten darüber, daß diese Geldrollenbildung nicht auch bei seinen Kollegen in aus reichendem Maße auftritt. Im menschlichen Körper erlaubt die Natur nur dem roten Blutkörper diese Reihung; wie, wenn sie es nun auf geistigem Gebiete / ebenso machte? Wir wollen sehen. Ein andres ist ein Gelehrter, ein andres ein Kauf mann. Dieser hat die Neigung, Geldrollen zu bilden; jener ist berufen, die Wahrheit zu suchen und zu verbreiten; und was war von je sein Lohn? Nichts andres, als allein die Befriedigung, die diese Tätigkeit mit sich bringt, die alles andre als entbehrlich erscheinen läßt. Denn so gebietet es Pallas Athene. Herr Professor Bücher wird entrüstet auf- fahren; aber er gedulde sich einen Augenblick. Was war denn der Lohn des Sokrates dafür, daß er ein Freund der Weisheit war? Er trank den Giftbecher. Was war der Lohn Giordano Brunos? Er wurde lebendig verbrannt. Was der Galileis? Er kam ins Gefängnis. Was der Keplers? Er litt Hunger. Und welchen Lohn hatte Cartesius, Spinoza, Locke, Lessing? Wer bezahlte dem Astronomen Le Verrier die Rechnung, die zur Entdeckung des Neptuns führte? Wer dankte dem Arzt Robert Mayer die Entdeckung des Gesetzes von der Erhaltung der Kraft? Die »Fachgenossen« etwa? Sein Aufsatz, der von jenem Gesetz Kunde brachte, wurde als unbrauchbar zurückgewiesen. Und was geschah dem Engländer Thomas Buckle, einem der freiesten Köpfe des neunzehnten Jahrhunderts, der doch in guten Verhältnissen lebte? Er starb 1862 an seinem Buche und schrieb auf Seite 317 des II. Bandes seiner unvollendeten Geschichte der Zivilisation von dem Lohn, der des echten Forschers harrt, die erschütternden Worte: »Für ihn ist der Lohn nicht, den bei einem andern Geschäft dieselbe Anstrengung gewonnen haben würde; für ihn sind die Genüsse des öffentlichen Beifalls nicht, nicht für ihn der Luxus der Gewalt, nicht für ihn der Sitz im Rat seines Landes, nicht für ihn ein angesehener und geehrter Platz vor den Augen des Publikums. Sei er sich immerhin bewußt, was er leisten könnte, er darf in dem großen Wettkampf nicht auftreten, er kann nicht hoffen, den Preis zu gewinnen, er kann nicht einmal die Auf regung des Kampfes genießen. Ihm ist der Kampfplatz verschlossen. Seinen Lohn trägt er in sich, und er muß lernen, sich wenig aus der Teilnahme seiner Mitmenschen oder aus den Ehren, die sie ihm erweisen können, zu machen. Weit entfernt, so etwas zu er warten, muß er sich vielmehr auf den Übeln Ruf vorbereiten, der allemal die Eröffnen neuer Adern des Gedankens erwartet, weil sie damit ihre Zeitgenossen in ihren Vorurteilen stören. Während ihm Unwissenheit und Schlimmeres als Unwissenheit zugeschrieben wird, während seine Absichten entstellt und seine Unbescholtenheit in Zweifel gezogen, während er angeklagt wird, den Wert sitt licher Grundsätze zu leugnen und die Grundlage aller Religion anzugreifen, als wäre er ein öffentlicher Feind, der sich ein Ge schäft daraus mache, die Gesellschaft zu verderben, und dem es zum Vergnügen gereiche, das Unheil zu sehen, das er anrichten könne; während diese Beschuldigungen vorgebracht und von Mund zu Mund wiederholt werden, muß er fähig sein, schweigend die gerade Richtung seines Wegs zu verfolgen, ohne Abweichung, ohne Stocken und ohne seinen Weg zu verlassen und auf das zornige Geschrei zu achten, das er wohl hören muß und dessen Züchtigung nicht zu wünschen eine mehr als menschliche Langmut wäre. Dies sind die Eigenschaften und die großen Entschlüsse, die dem unerläßlich sind, der glaubt, daß zu dem wichtigsten aller Ziele die alten Wege ausgesahren und unbrauchbar sind, und darum einen neuen auf eigne Hand einzuschlagen und bei der Anstrengung nicht nur möglicher Weise seine Kräfte erschöpft sondern ganz gewiß sich die Feindschaft derer zuzieht, die darauf erpicht sind, die alte Methode aufrecht zu erhalten.» So spricht der wahre Jünger Pallas Athenes. Ha! wird Herr Professor Bücher sagen, bin ich nicht durchaus in diesem Falle? Wird mir nicht auch Unwissenheit vorgeworfen, meine Rechtlichkeit in Zweifel gezogen, will ich nicht auch neue Wege Einschlägen, ziehe ich mir nicht die Feindschaft Börsenblatt für den deutschen Buchhandel. 70. Jahrgang. derer zu, die darauf erpicht sind, die alte Methode aufrecht zu erhallen? Nein denn, nein und dreimal nein! Daraus, daß mancher leide,: muß, der unschuldig war, folgt nicht, daß jeder, der leidet, unschuldig sein muß. Der Thyrsosträger sind viele, allzuviele, aber die Bacchen sind selten; nicht jeder, der Evoe ruft, ist des Gottes voll. Der weiße Blutkörper ist rund wie der rote, gewiß; aber die Neigung zur Geldrollenbildung verrät den Jünger des Hermes, nicht den der blauäugigen Tochter des Zeus. Ich biu kein Honorarverdiener! ruft Schopenhauer grimmig aus; und Hutten sowohl, wie Erasmus weisen entrüstet die Behauptung, daß sie für ihre Arbeiten materiellen Lohn empfangen hätten, zurück. Die Aufgabe des Gelehrten ist einzig die, die Wahrheit zu suchen. Soll ich Lessings weltbekanntes Wort zitieren? In dem Moment aber, wo er das Ergebnis seiner Forschung als Manuskript unter den Arm nimmt, um es zu verhandeln, verwandelt sich der weiße Blutkörper der Literatur in einen roten; aus dem Gelehrten wird ein Kaufmann. Als Kauf mann allein kann er beurteilt werden, wenn er um den materiellen Lohn feilschen geht, wenn er Neigung zur Geld rollenbildung zeigt. Ist er dann ein ungeschickter Kaufmann, unterschreibt er Verträge, die ihm ungünstig scheinen: so ist es seine Schuld; denn es kostete nur ein paar Briefe, sich zu informieren. Scheut er diese Mühe, sich die Markt- kenntnis zu verschaffen, die eins der wesentlichen Erforder nisse des Kaufmanns ist, so hat er es sich selbst zuzuschreiben, wenn er erst hinterher einsieht, daß er eine größere Geld rolle hätte bilden können. Schreit man dann nach der Klinke der Gesetzgebung, wenn ein Gelehrter bei dem Erwerb eines Hauses über vorteilt wird? Gewiß nicht, sondern man znckt die Achseln. Oder etwa wenn er einen ungünstigen Mietvertrag, eine mit Schlingen versehene Versicherungspolize unterschreibt und sich hinterher beklagt? Wird man ihm nicht erwidern: Ja, bist du denn ein Unmündiger, ein Schwachsinniger, der der Bevormundung bedarf? Willst du nicht selbst Maß und Richtung für die Menschheit geben und forderst ein Gesetz, das dich vorm Straucheln bewahrt, wo du frei einherschreiten solltest? Reihst du dich nicht selbst in Ansehung des In tellekts in die oberste Rangklasse ein? Und wo ging denn dein Intellekt spazieren, als du den Vertrag unterschriebst, den du jetzt erst, nachdem es zu spät ist, abgeändert zu sehen wünschest? Nein mein Lieber! Die Klinke der Gesetzgebung kann nicht überall da angebracht werden, wo einer mit dem Kopf durch die Wand will. Meiner Ansicht nach sollte der Ertrag, den das Werk eines besoldeten Univcrsttätsprofessors einbringt, überhaupt nicht diesem, sondern der Akademie, der er angehört, zufallen. Dann käme der Lohn dahin, wohin er eigentlich gehört. Wird denn etwa der Richter für jedes seiner Urteile be zahlt? Nein, denn er soll nicht nach dem goldnen Kalb schielen, noch weniger, es umtanzen. Dafür befreit man ihn von Nahrungssorgen, daß er ohne Ansehen der Person, ohne Er wartung besondern Lohns, ganz frei, mit tiefstem Ernst seines unverletzlichen Amts walte. Es wäre zu wünschen, daß die deutschen Richter annähernd so würdig entlohnt würden, wie es in England geschieht. Denn ein Richter muß unbestechlich sein; und soll er es, so darf er nicht den geringsten Mangel leiden. Und der Forscher, der Freund der Wahrheit? Soll der nicht auch unbestechlich sein? Allerdings, er vor allem! Der weiße Blutkörper des Literaturkreislaufs sei so gestellt, daß er den Lockungen, sich in einen roten Blutkörper zu ver wandeln, widerstehen kann, wenn er den Hauch der Göttin in sich fühlt, die einst den Laertiaden glücklich durch alle Fährlichkeiten zur Heimat brachte. Er sei so gut entlohnt, 1141
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