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Börsenblatt für den deutschen Buchhandel : 14.11.1904
- Strukturtyp
- Ausgabe
- Band
- 1904-11-14
- Erscheinungsdatum
- 14.11.1904
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- Deutsch
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^ 265, 14. November 1904. Nichtamtlicher Teil. 10087 Zeitalter unsers Geisteslebens anbrach und unsre sittliche Einigung vollzog. Wieder bedeutete das Buch eine lebendig wirkende Kraft. Und auch unter den Mittlern der geistigen Güter fand die Zeit Goethes, Schillers, Herders, Kants ein großes Geschlecht. Unvergänglich sind die Namen Göschen, Cotta, Schwan, Frommann, Weidmann, Perthes mit ihr verbunden. Das eigentliche Jahrhundert des Buches aber, in dem es zu unbestrittenster Herrschaft, zu weitestreichender Wirkung berufen wurde, war das neunzehnte, das Jahrhundert, in dem alle Wissenschaften in völlig neue Bahnen gelenkt wurden, das eine unerhörte Entwicklung des Handels und des Verkehrs, der Technik und der Industrie sah, in dem das Volk sich neben die Fürsten stellte, und der vierte Stand seinen Anteil an den Segnungen steigender Kultur heischte. All diese gewaltige Geistesarbeit hat das Buch, hat die inzwischen zu einer starken Macht ine Leben gewordene Presse vermittelt, ja, ohne den Austausch der Gedanken und Er fahrungen durch das Buch hätte sie nicht geleistet werden können. Und zugleich machte das neunzehnte Jahrhundert sich alles Geschriebene früherer Zeiten, soweit es irgend noch Leben oder Bedeutung hatte, durch Neudruck zu eigen. Eine gewaltige Zunahme der Produktion wurde da durch bedingt: waren im Jahre 1600 in Deutschland etwa 800, im Jahre 1800 etwa 3500 Bücher gedruckt worden, so stieg diese Zahl im Jahre 1900 auf rund 25 000! Die Wirkung des Buches in unfern Tagen, meine Herren, brauche ich Ihnen nicht zu schildern. Wir stehen ja alle inmitten dieser Flut, deren Steigen uns manchmal wohl mit Sorge für die Bibliotheksräume der Zukunft er füllen könnte, aber auch mit einem Gefühl des Stolzes, da wir gewiß sind, inmitten reichlicher Spreu auch manches Weizenkorn zu vielleicht später Saat den Enkeln zu vererben. Mit der enorm gesteigerten Bedeutung des Buches ging eine weite Vervollkommnung seiner Produktionsmittel Hand in Hand. Nachdem schon im achtzehnten Jahrhundert Johann Breitkopf den Typenguß wesentlich vervollkommnet hatte, wurde um 1800 durch Senefelder der Steindruck, nicht viel später durch König die Schnellpresse erfunden, die die Platte durch einen Zylinder, den ebenen durch rollenden Druck ersetzte. In den vierziger Jahren gesellte sich die Galvanoplastik hinzu. Die maschinelle Fabrikation des Papiers und die Erfindung des Holzpapiers, die eine fernere Zukunft vielleicht einmal verdammen wird, kamen dem großen Bedarf entgegen, und das sinkende Jahrhundert sah die Erfindung der Rotationspresse, der Setzmaschine und der modernen Reproduktionsverfahren. Am Ende des Jahrhunderts des Dampfes und der Elektrizität, inmitten massenhafter Bücherfabrikation entsann man sich aber dessen auch, daß die Drucker einmal Künstler gewesen waren. Von England ging, als ein Glied des Strebens, die Kunst wieder in enge Beziehung zum Leben zu setzen, die Bewegung aus, die eine künstlerische Aus stattung des Buches nach innen und außen herbeiführen wollte, und sie ist auf gutem Wege, sich auch bei uns gegen den wohl verständlichen Widerstand der in der alten Art Graugewordenen durchzusetzen. Freilich verführte die Sorge, um jeden Preis Neues zu schaffen, nicht selten zu Wunder lichkeiten; man schien auch manchmal zu glauben, daß das Äußere des Buches das Wesentliche daran sei, und vergaß, daß ein Buch ohne Inhalt ein tönendes Erz, eine klingende Schelle ist, und hätte Morris es gedruckt. Aber das wird sich wohl bald verlieren; ein Überschreiten des Maßes ist nun einmal ein Kennzeichen jeder Reform. lind mit der äußern Hebung des Buches verband sich eine gesteigerte Bücherfreude, das Streben, ein schönes Buch nicht nur in schmutzigen Leihbibliotheksbänden zu lesen, sondern es auch zu besitzen. Freilich hat es auch hier an Ausartungen, an einer oft üppig ins Kraut schießenden Bibliomanie nicht gefehlt. — So haben wir das Buch von seinen Anfängen bis an die Schwelle unsrer Zeit begleitet und haben erkannt, welch reichen Segen es der Menschheit gebracht hat. Wir wissen auch wohl jeder an seinem Teil, wie das Buch, abgesehen von dem Nutzen, den unsre Bildung ihm verdankt, uns so oft recht eine Trösteinsamkeit, ein Heilmittel in kranken und trüben Tagen, eine Quelle stiller Freude gewesen ist. Und doch drängt sich uns am Schluß die Frage auf: ist das Buch nur von Nutzen gewesen, oder hat es vielleicht auch in mancher Beziehung schädlich gewirkt? Das Letztere ist gar oft behauptet worden. Gegen große Gattungen von Büchern ist gekämpft worden und wird gekämpft, nicht nur von der katholischen Kirche, die den Incksx librorum yrobibitoraw aufstellte, und manchem ihrer konfessionellen Gegner, der ihn gern schaffen würde, sondern auch von aufgeklärten, einsichtigen Männern, die nicht jedes Buch in den Händen der Unmündigen an Geist oder Jahren wissen wollen. Mit selsamer Scheu, mit festein Glauben hängt der gemeine Mann gern am gedruckten Wort, und die Buchdruckerkunst gibt dem Einzelnen die Macht, auch verderblich auf die Gesamtheit zu wirken. Eigennutz und Willkür haben dem vermeinten Schaden seit Jahrhunderten durch Zensur und Bücherverbot zum Nachteil auch des ehren werten Buchhandels zu steuern gesucht; beides ist auch aus der Praxis unsrer Zeit nicht geschwunden. Aber wir dürfen hoffen, daß dem Staat, wenn er einmal seinem Ideal gleichen und wirklich die Summe der Einsicht Aller darstellen wird, die Lösung auch dieser Frage gelingen wird. Und ein andrer, schwererer Vorwurf, der sich gegen das Buch überhaupt richtet, ist, daß es eine papierene Welt um uns herum erbaut, daß es uns zwingt, die Dinge nicht zu schauen, wie sie sind, sondern wie sie im Buche sich spiegeln. Schon bei Plato finden wir in einem tiefen Wort den Satz, daß die Bücher leben und doch tot sind, daß sie Meinungen verbreiten an Stelle der Wahrheit. Und immer wenn im Laufe der Zeiten der Schlachtruf »Zurück zur Natur!« erklang, war das Buch eine der Bastionen der alten Festung Kultur, die es zu berennen galt. Ein richtiger Kern liegt in solcher Anklage. Aber wer offenen Auges in unsre Zeit hineinblickt, der wird, meine ich, wahrnehmen, daß wir auf dem Wege find zu einem Ausgleich zwischen Buch und Welt. Ihn herbeizuführen, ist die große Aufgabe einer vielleicht noch fernen Zukunft. Aber schon jetzt sollen wir an der Lösung dieser Auf gabe arbeiten. Und wir besonders, meine Herren, die wir in unsrer Weise »Diener am Worte« sind und vielleicht mit am leichtesten in Versuchung kommen, Sklaven des Buches zu werden, anstatt es zu beherrschen, und das ver gängliche Wort höher zu stellen, als die unvergängliche Welt, wir wollen die Mahnung nicht aus dem Gedächtnis verlieren, die über Jahrtausende zu uns herüber klingt in dem Worte vom Buchstaben, der tötet, vom Geiste, der lebendig macht! Kleine Mitteilungen Deutscher Buchgewerbeverein. — In der letzten Woche sind im Deutschen Buchgewerbehause zu Leipzig einige Sonder- ausstellungen serü^gestellr worden, von dene^r ganz besonders eine !823"
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