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Börsenblatt für den deutschen Buchhandel : 01.06.1906
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- 1906-06-01
- Erscheinungsdatum
- 01.06.1906
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- Deutsch
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125, 1. Juni 1906. Nichtamtlicher Teil. 5497 Johann Christian Dieterich und seine Autoren. Aus der Geistesgeschichte des 18. Jahrhunderts. Von I. H. Eckardt. (Schluß (statt Fortsetzung^ aus Nr. 99, 100, 119, 1L3 d. Vl.) (Vgl. auch Nr. 62, 74, 76, 82, 83 d. Bl.) II. Dieterich und Lichtenberg ferner: Die späteren Schicksale der Dieterichschen Handlung. Es würde zu weit führen, hier noch auf andre Ar beiten Lichteubergs einzugehen, auf seine literarischen Fehden mit Voß, Lavater und Zimmermaun. Über Lavater und seine Physiognomik macht er sich weidlich lustig und geißelt das Werk, wo und wie er kann; als er Lavater aber dann 1786 persönlich kennen lernt und eine Aussprache mit ihm hat, kommt er, wie so viele, doch zu der Überzeugung, daß Lavater es ehrlich meine und, wenn er betrüge, ein be trogener Betrüger sei. Amüsant ist es, zu erfahren, daß er Lavaters Physiognomik 1775 zuerst in London kennen lernte, und zwar lieh ihm die Königin das Buch, ob sie es gleich, wie er schreibt, selbst nur geborgt hatte. Also auch Königinnen borgten Bücher — ein interessanter Beitrag zur Geschichte des Buchs. Gegen die Physiognomik schrieb er im Kalender u. a, die Aufsätze: »Über Physiognomik wider die Physiognomen«, dessen hier bereits Erwähnung getan wurde, das Fragment von den Schwänzen: »Timorus, das ist Vertheidigung zweier Israeliten, die durch die Kräftigkeit der Lavaterischen Beweisgründe und der Göttingischen Mett würste bewogen den wahren Glauben angenommen haben » Alle diese Arbeiten zogen ihm heftige Angriffe zu und die Feindschaft mancher Personen. Der Timorus scheint eine Gegenschrift hervorgerufen zu haben, die Dieterich zum Ver lag angeboten wurde. Dieser aber scheint nicht geneigt ge wesen zu sein, sie anzunehmen, was Lichtenberg indessen tadelt. Er plant einen lustigen Streich, über den er den Freund unterrichtet. Zur Ausführung scheint der Plan allerdings nicht gekommen zu sein. Der Brief ist aber charakteristisch genug, um hier mitgeteilt zu werden Er ist Ende Juli 1773 geschrieben und trägt den Vermerk: -lM. Ja nicht gleich laut zu lesen, aber gleich mit Herrn Boie darüber zu communiciren.« »Lieber Dietrich. »Ums Himmels willen werfe dem Mann sein Manuskript nicht vor die Füße, wie du sagst. Sondern sage, Du waltest es außerhalb drucken lassen, weil Du nicht glaubtest, daß es wegen der anzüglichen Wörter Arsch und dergleichen die Censur passieren würde. Ich will es selbst drucken lassen und zwar mit einer Vorrede und Anmerkungen, Du must ihn nur mit allerley Vertröstungen Hinhalten. Das soll gewiß etwas zu lachen geben. Aber nun tausendfaches Stillschweigen, solle aber der Jude sagen, daß ich der Verfasser wäre, so muß es ihm ernstlich ausgeredet werden, denn ich werde es nie, nie eingestchen und lieber alles daran setzen. Du kannst es außerhalb Göttingen drucken lassen und will ich Dir mit der nächsten Post das Manuskript, Vorrede und Anmerkungen zurücksenden. Thue es ja, lieber Dietrich. Oder soltest Du es ihm schon wieder zurück gegeben haben, so sehe, ob Du erfahren kanst, wo er es hin geschickt hat, damit das seinige nicht eher herauskommt, als das meinige. Ich will im gantzen Buch kein Wort ändern. Es darf ja nur aus schlechtes Papier und eng gedruckt werden, nur ja nicht in Deiner Druckerey. Wenn ich jetzt die Zeit hätte, so solle es nun erst eine recht vollkommene Satyre werden, aber ich habe sehr viel zu thun. — Wir kennen uns doch. Ver schwiegen, wie das Stillschweigen selbst must Du seyn. Herr Boie wird auch schon Rath wissen, der mit dem Deinigen ver bunden werden kan. »Daß Du mir das Ding in einer Abschrifft verschafft hast, Börsenblatt für den Deutschen Buchhandel. 73. Jahrgang. ist ein wahres Meisterstück von Dir, Dieterich. Auf der Welt wäre es Dir jetzt nicht möglich gewesen, mir einen größeren Ge fallen zu thun. Wenn ich es recht bedenke, so kommt es mir doch fast zu niedrig vor, mich mit dem Kerl näher einzulassen, zumal da ich nicht glaube, daß er es drucken lassen will, sondern Dir es nur gebracht hat, damit Du es mir communiciren soltest. Solle er sich verlauten lassen, daß ich es gemacht habe, so stelle ihn ernstlich zur Rede, denn beweisen kan es der Kerl nicht, der so sicher ein Betrüger als je einer unter den Juden ge wesen ist. Was mich beynah zum rasendwerden lachen gemacht hat, ist seine Beschuldigung, daß der Verfasser Mettwürste aus einer Rauchkammer gestohlen, und die Schlifft einem Juden mädchen zu gefallen müsse aufgesezt haben. Der Gedanke mit der Erzeugung der Maulesel, wenn Photorin und die Jungfer GumprechtinZ zusammen kämen, ist wahrlich nicht übel, und wenn ich in Göttingen wäre, so schenkte ich dem Kerl auf meine Ehre eine Mettwurst. -Du must nur in allen Gesellschafften sagen, daß ich es höchst übel nähme, daß man mich für den Verfasser hielte, daß ich durch einige Reden über die Juden, die ich nicht läugnete, zu solchen Muthmaßungen Anlaß gegeben, daß der Verfasser deswegen sich den Namen Photorin beygelegt p. x. -Thue dieses ja, und zeige diesen Brief gleich Herrn Boie, an den ich ihn zugleich mit richte. Ich will mich besinnen, was mit der Schlifft anzufangen ist. Halte nur den Juden immer hin mit dem Druck, und gebe mir umständliche Nachricht.« Ein erbitterter Gegner erstand Lichtenberg in Zimmer mann, der Lavaters Partei genommen hatte. Der bekannte Arzt und Schriftsteller in Hannover wird fast übereinstimmend als hochfahrend, eingebildet und grob geschildert, und schon 1778 schreibt Lichtenberg an Boie?): »Man verzeyht hier Zimmermann in sofern, als in Brugg hiesige Grobheit noch immer Artigkeit ist, und hält ihn für einen leeren Hochrnüthigen, der schon seit geraumer Zeit alle ernsthaffte Wissenschaft an den Nagel gehenckt hat. Meine Schlifft gegen ihn ist schon vor 3 Wochen fertig gewesen, und ich habe sie Freunden vorgelesen. Nur die lezte Hand fehlt noch, und nun, da die neuen Noten gekommen sind, muß sie auch gröser werden. Ich habe ihn darin als einen Mann behandelt, der keiner Achtung würdig ist und der, glaube ich, so lange er lebt, keinen eigenen Gedanken gehabt hat, immer gegen Leute, die ihm nicht opferten, als ein Bengel verfuhr, und sein bisgen Credit guten Freunden und etwas Schweitzer Prosa zu dancken hat In der That habe ich Zimmer mann im Hertzen immer für einen elenden Schriftsteller ge halten, und als ich im vorigen Sommer seinen National Stoltz mit einem Engländer durchgehen wollte, so konte ich es nicht bis in die Mitte aushalten Sein Avertissement von Haller's Leben ist, nach aller Kenner Zeugniß hier, die scheußlichste Probe von affectirtem demüthigen Hochmuth, die man sich dencken kan. Es ist kein Mensch hier, der nicht darüber gelacht hätte; ich sage mit Fleiß kein eintziger Mensch. Sein erstes Leben von Haller war Kindisch und dieses wird Studentisch werden, geben Sie nur acht. Ich sagte, für einen schlechten Schriftsteller, bey etwas Prosen Geläute, habe ich ihn immer gehalten, aber für so elend, als er in den Noten erscheint, habe ich ihn wahrlich im Ernst nie angesehen. Seine Vergleichung Lavaters mit einem Schnupftuch ist über alles schlecht, eckelhafft, unverständig und unsatyrisch. Ich habe sie bey meinem Lavater geschrieben, bey der Stelle, wo von Zimmer manns Silhouette die Rede ist, und will mein Ex. der Biblio thek vermachen.» Die hier angekündigte Schrift Lichtenbergs gegen Zim mermann ist nie erschienen. Dieterich berichtet darüber nach dem Tode Lichtenbergs an dessen Bruder:^ »Wie Ihr Herr Bruder wegen der Physiognomik im Kalender gegen den Lavater schrieb, so bekam er Zimmermann zum Feinde; und dieser fing den Federkrieg an. Ihr Herr Bruder schrieb dahero einen Bogen gegen Zimmermann, wie aber der Titul Z Tochter eines jüdischen Geldmanns in Göttingen. 2) Lichtenbergs Briefe I, 292. ") Ebenda III, 345. 718
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