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Börsenblatt für den deutschen Buchhandel : 14.04.1906
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- 1906-04-14
- Erscheinungsdatum
- 14.04.1906
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- Deutsch
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3818 Nichtamtlicher Teil. ^ 86 14. April 1906. bewußt bleiben, daß er kein Krämer sei, sondern ein ehren hafter Händler, der sich mit schmutzigen Geschäften nicht ab gebe, und schmutzigere Geschäfte gebe es gar nicht, als um Gelderwerbs willen seine unerfahrenen Volksgenossen an dem Wertvollsten, das ein Volk besitzen könne, am geistigen und auch vielfach mittelbar am leiblichen Leben zu schädigen. Ich hoffe, daß auch heute noch die Mehrzahl der Prinzipale ihren Zöglingen die gleichen Grundsätze als Richtschnur hinstellt und alle unsaubern Literaturerzeugnisse unter Protest an die Absender zurückschickt. Nach meinen Beobachtungen in größern Städten bilden die buchhändlerischen Auslagen eine ver schwindende Minderheit, die direkt pornographische Literatur aufweisen; meist sind es »Auch-Buchhändler«, die dem Stande in keiner Weise zu Ehre gereichen, die sich mit dem Vertrieb befassen. Manches freilich ist heute auch in den Auslagen größerer Handlungen zu sehen, das mein verehrter erster Chef auch nicht verkauft haben würde. Es hat sich eine Art von Literatur herausgebildet, die unter dem Schein von Wissenschaft und Kunst und unter dem Vorgeben, den Künstlern Anregung zu ihrem Schaffen zu bieten, Bilderbücher von Nuditäten bietet, die, wie jeder Sortimenter weiß, nicht von Künstlern, sondern von Lebe männern gekauft werden. Ich will nicht gerade behaupten, daß die Verfasser und Verleger auf diesen Effekt bewußt ausgehen; aber sie müßten die einzigen Unwissenden sein, wenn ihnen diese Tatsache unbekannt geblieben wäre. Nichts wäre verkehrter, als wenn man glauben wollte, daß ich der Erziehung der Jugend zur Prüderie das Wort reden wollte; im Gegenteil, eine gesunde natürliche Sinnlich keit ist mir bei weitem lieber als Muckerei. Mit offnen Augen soll sich jeder geistig Mündige in unseren Museen umsehen und sich an der Schönheit in jeder Gestalt, auch an den Kunstwerken nackter Menschlichkeiten weiden. Daß er dies könne, soll eine vernünftige Erziehung zum Kunst genießen ermöglichen. Keine wirksamere Bundesgenossin gibt es im Kampf gegen die Pornographie, als ein wahres, tiefes Kunstverständnis, zu dessen Erlangung es keiner lang jährigen Studien bedarf. Dieses wirkt so veredelnd auf den. Geschmack, daß die pornographischen Erzeugnisse auf dem Gebiete der vervielfältigenden Künste von vornherein ab stoßend wirken, eben weil sie in fast allen Fällen von dem Begriff Kunst himmelweit entfernt sind. Wäre das Kunst verständnis in weiteren Volkskreisen anzutreffen — die Schule schon müßte hier viel wirksamer den Grund legen, als es bisher geschieht —, dann wäre eine so ungeheure Verbreitung bildlicher Gemeinheiten gar nicht denkbar, wie sie heute stattfindet. Über den Umfang dieser Verbreitung gibt ein kürzlich als Manuskript gedrucktes Merkchen Aufschluß, dessen Ver fasser vr. Ludwig Kemmer Gelegenheit gehabt hat, in München eine Zeitlang die Tätigkeit der dortigen Zensur behörde kennen zu lernen. Besonders die beschlagnahmten pornographischen Postkarten lassen einen tiefen Blick in diese »Kunstgattung« tun. »Millionen von Aktdarstellungen«, sagt der Verfasser, »werden durch die bei den Akten der Polizeidirektion befindlichen Proben beschlagnahmter Post karten und Vorlagen in Plakatform repräsentiert«. Natürlich wird auch bei diesen Erzeugnissen wieder das Interesse für Künstler ins Feld geführt. Demgegenüber fragt Kemmer: »Ist es nicht eine Beleidigung für frei schaffende Künstler, wenn man ihnen zumutet, ihren Formensinn und ihr Formengedächtnis mit den in künstlerischer Hinsicht meist wertlosen Aktphotographien zu nähren?« Aber wenn die Fabrikanten wirklich diese rührende Sorgfalt für die Künstler entfalteten, »was tun die 29 351 Künstler und Kunstge werbetreibenden, die im Jahre 1904 in Deutschland allen falls als durch ihren Beruf legitimierte Käufer von Akt photographien in Betracht kommen, mit dem Wust von Photographien, der schon dann, wenn man die Produktion als durch die hiesigen Beobachtungen erschöpfend gemessen annimmt, auf den einzelnen trifft? Selbst wenn die Gesamt heit der Künstler diesen Schund kaufte, so brauchten die Fabrikanten immer noch die Kauflust von Hunderttausenden von »Kunstfreunden« zur Belohnung ihres Unternehmungs geistes und zur Erfüllung ihrer GewinnhoffnungI »Vom 4. Juli 1904 bis dahin 1905 sind von der Münchener Polizei 18 000 Photographien beschlagnahmt worden! Allerdings ist der Absatz obszöner Karten nicht auf Deutschland beschränkt, sondern vielmehr international; aber diese deutsche Ausfuhr wird reichlich durch die Einfuhr aus europäischen Ländern ausgeglichen. Kemmer hat zehn Preislisten von Schmutzgroßhandlungen durchgesehen, von denen sechs keine Firmenbezeichnung trugen. Dafür stand in ihnen eine Notiz, daß die Adresse des Absenders auf einem be- sondern Zettel beigelegt sei. In diesen Katalogen werden 40 893 »pikante«, »hochpikante«, »erotische«, »ultraerotische« rc. Photographien und Stereoskopbilder angeboten! Von drei der zehn Firmen waren zwei als norddeutsche und eine als bayerische erkennbar. Leider sind auch unter den aus ländischen Firmen viele, die deutschen Unternehmern gehören. Und die meisten stehen miteinander in Tauschverkehr, in dem große Massen von Photographien hin- und hergehen. Eine ausländische deutsche Firma bietet 100 Bilder zu 250, 500 zu 625, 1000 zu 1200 und 3500 zu 4000 an. Alles wird in verschlossenen, eingeschriebenen Briefen versandt. Aus den Inseratenteilen von Witzblättern hat Kemmer 52 inländische und 46 ausländische Schmutzhandelsfirmen festgestellt. Von den inländischen hatten 43 ihren Sitz in Großstädten: 27 in Berlin, 9 in Hamburg, 5 in München, je eine in Leipzig und Dresden; 5 in mittleren Städten: Nürnberg, Straßburg, Regensburg, Gera und Gotha; 4 in kleinen Städten: Zehlendorf bei Berlin, Ahrensburg bei Hamburg, Blankenburg im Harz und Friedrichstadt an der Eider. Von den 46 ausländischen Firmen waren 7 in Ungarn ansässig, 6 in Italien, 18 in Frankreich, 6 in Öster reich, 2 in Spanien, je 1 in Belgien, der Schweiz und in Serbien. Von den 7 ungarischen Firmen sind 6 deutsch, von den 6 italienischen 5, von den 18 französischen 9 deutsch; und auch der ganze Rest ist in den Händen von Deutschen. Die in Deutschland, besonders die in Bayern an sässigen Pornographen beglücken vorwiegend Dänemark, Schweden und Norwegen mit ihren Angeboten. Wie unter den einheimischen Schmutzhändlern befinden sich auch unter den deutschen Pornographen im Ausland Träger des Doktortitels und sogar Frauen! Die sehr wichtige Frage, wie diese schauderhaften Zu stände gebessert werden können, d. h den Giftmischern das Handwerk gelegt werden kann, hat Kemmer gleich falls in den Kreis seiner Erörterungen gezogen. Nach Vorgang des »Kunstworts« befürwortet er die Ein setzung eines Kollegiums von Sachverständigen, »die in ihrem Kunstverständnis sich über den von gewissen Richtungen hypnotisierten und terrorisierten Durchschnitt erheben, die kunstverständig und selbstbewußt genug sind, Verirrungen einzelner Künstler und die frechen Spekulationen skrupelloser Industrieller abzulehnen«. Er schlägt weiter vor, für die beste Fassung des Z 184s, so, daß er das Hauptgewicht nicht auf die Wahrung des öffentlichen Anstands, sondern auf den Schutz der Jugend legt, einen Preis auszuschreiben, und ebenso für die beste Organisation der Sachverständigen kammern. Er meint, daß für die Dotierung dieses Wett bewerbs sich wohl Vaterlandsfreunde finden würden, und sagt dann am Schluß seiner ins einzelne gehenden Abhandlung:
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