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Börsenblatt für den deutschen Buchhandel : 15.01.1910
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- 1910-01-15
- Erscheinungsdatum
- 15.01.1910
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.U 11, 15. Januar 1S10. Nichtamtlicher Teil. Börsenblatt f. d. Dtschn. Buchhandel. 567 Mehrzahl die Schar jener Männer hervorgegangen, die in patriotischem Eifer bestrebt sind, das Volk aufzuklären und ihr Land unabhängig zu machen, den Westmächten gegenüber zu kräftigen und kulturell weiter zu entwickeln. In den Mittelschulen werden allgemeine europäische Wissens zweige, Geschichte, Geographie, Geologie, Physik usw. vor getragen und mit Erfolg studiert. Heute findet man derartige höhere Schulen fast in jedem einigermaßen bedeutenderen Orte. Wer ein Amt erlangen oder in die Armee eintreten will, muß einen regelmäßigen Schulbesuch Nachweisen können und strenge Prüfungen bestanden haben. Da nebenbei das Studium der Muttersprache sowie der reichhaltigen Nationalliteratur keineswegs vernachlässigt wird, so wird von dem jungen Türken eine kolossale Arbeitsleistung gefordert, die gute Veranlagung und reiche Geistes gaben voraussetzt. Überhaupt wird jeder, der längere Zeit in der Türkei geweilt hat und das sympathische Wesen des Volkes näher kennen zu lernen Gelegenheit hatte, mir bestätigen können, daß die Türken schon längst nicht mehr die phlegmatischen Gesellen sind, als die man sie sich noch vielfach bei uns vorstellt. Der Drang nach Bildung ist vielmehr allgemein verbreitet. Die höheren Schulen sind in allen Städten überfüllt, und es ist interessant, einen Blick auch auf dem Fußboden und in den Fensternischen kauern die Jungen, im Alter oft sehr verschieden, und lauschen andächtig dem Vortrage ihres Lehrers. Eine der bedeutendsten Errungenschaften im modernen Kultur leben der Türkei ist unstreitig die Schule der schönen Künste in Tschinili Köschk in Verbindung mit dem Kaiserlichen Museum. Wenn man weiß, wie stark der Widerwille des Osmanen gegen bild liche Darstellungen gewesen ist, so muß man sich wundern, daß eine solche Institution sich überhaupt als lebensfähig erweisen konnte. Heute sieht man bereits viele Türken der Kunst des Malens sich befleißigen, und die ausgestellten Skulpturen und Denkmäler des klassischen Altertums finden auch unter ihnen aufmerksame und sachverständige Bewunderer. Rechnet man zu den zahlreichen Mittel- und höheren Schulen die Militär-, Handels- und medizinischen Schulen hinzu, die vielen Kunst-, Industrie- und Ackerbauschulen, so wird man zugeben müssen, daß das türkische Unterrichtswesen und die Volksbildung auf breiter Grundlage aufgebaut ist. So braucht man sich denn auch nicht zu wundern, daß die Zahl der Analphabeten in der Türkei sehr gering ist. Während in Spanien beinahe 70 Prozent der Bevölkerung weder schreiben noch lesen können, in Portugal sogar 80 Prozent, wird man im Osmanenreiche ihre Zahl mit 16 Prozent als reichlich ansetzen können, wenn man von den entfernten asiatischen und arabischen Vilajets absieht. In Konstantinopel, Smyrna, Saloniki und anderen türkischen Städten wird man unter den Hamals, Kaikdschis und Wasser trägern nur noch selten Leute finden, die nicht lesen können, und dann sind es meistens ältere Männer, zu deren Jugendzeit von einer allgemeinen Volksschule noch nicht die Rede war. In den höheren Schichten der Bevölkerung ist die Zahl derer, die Französisch, Englisch oder Deutsch verstehen, eine außerordentlich große; man sieht also, daß der öffentliche Unterricht, die Er ziehung und Heranbildung der Jugend in den beiden letzten Jahrzehnten einen mächtigen Aufschwung genommen hat. Er hat viel zur Veränderung der öffentlichen Meinung und Umgestaltung der alten Denkungsart beigetragen. Wenn Staaten wie Spanien, Haiti und Tunis, deren Be völkerungen entschieden auf einer niedrigeren Kulturstufe stehen man es nicht sonderbar finden, wenn jetzt sich auch dort Bestrebungen geltend machen, die einen Beitritt des Staates zur Literar-Konvention fordern. national-türkische Literatur einzugehen, sei auf die am meisten interessierende Entnahme aus abendländischen Literaturen hin gewiesen. Der Einfluß der fremdländischen Literatur macht sich am meisten auf dem Gebiete der Belletristik bemerkbar. In der Unterhaltungs-Literatur war in der Türkei von jeher der französische Roman allgemein beliebt. So finden wir denn auch Übersetzungen der gelesensten französischen Romane in mehr fachen Ausgaben. Marcel Prsvost, Paul de Kock, A. Dumas, Montspin, Balzac, Ponson du Terrail u. a. sind stark verbreitet; Zola ist mit einigen seiner Romane in türkischen Ausgaben bis zu hundert Auflagen verbreitet. In letzter Zeit hat sich auch die Zahl der Übersetzungen aus der englischen und der deutschen Literatur vermehrt. Hauptsächlich sind es Liebesromane, sowie Kriminal- und Detektiverzählungen, die ein dankbares Absatzfeld finden; auch die geheimnisvollen und blutigen Schauergeschichten des Westens finden ein dankbares Publikum. Originell ist es, wie die türkischen Übersetzer das Originalwerk, um es dem Geschmack des Publikums mehr anzupassen, sehr häufig umzuarbeiten pflegen. Der Autor würde schwerlich, wenn ihm eine derartige »wortgetreue Übersetzung« in die Hände geraten sollte, seine Geisteskinder wieder erkennen. Personen namen werden fast regelmäßig in türkische umgeändert; wenn irgend angängig wird der Ort der Handlung in die Türkei ver legt; so findet man z. B. Übersetzungen von Zolas Nana, in denen die Hauptperson als sittenlose Armenierin dargestellt wird, Ort der Handlung ist natürlich die Türkei. Unter dem alten Regime konnte man bei den Über setzungen oft auch interessante Zwischenbemerkungen der Zensoren lesen; wie: »Solche Laster sind natürlich nur unter den Christen ver breitet, der fromme und rechtgläubige Muselman wird sie mit Ver achtung lesen«. Ähnliche Moralpredigten fand man häufig. Mit Vorliebe werden in den Übersetzungen die guten und edlen Charaktere als Türken dargestellt, während als Halunken, Spitzbuben und Räuber stets Levantiner, Bulgaren, Armenier oder andere Rajahvölker das abschreckende Vorbild geben müssen. Einen Muselman als Mörder zu schildern, wird einem Türken selten einfallen. Als Übersetzer betätigen sich viele Personen, Beamte und Leute in einkömmlichen Stellungen, denen es weniger um ein angemessenes Ubersetzungshonorar zu tun ist, als darum, ihren Namen gedruckt zu sehen. Infolgedessen werden denn auch die Übersetzungsarbeiten ganz minimal bezahlt, für einen Roman von 300—400 Seiten Druck manchmal nicht mehr als 30 bis 40 Während es in früheren Jahren öfter vorkam, daß Übersetzer sich als Verfasser des übertragenen Werkes ausgaben, ist diese Unsitte in den letzten Jahren, wie es scheint, verschwunden. Außer dieser etwas leichteren Art von Lektüre finden natürlich auch wirklich gute Übersetzungen bedeutender Literaturwerke des Abendlandes ihre Verbreitung, wie auch streng wissenschaft liche Werke aller Disziplinen in das Türkische übertragen werden. Bei der fortschreitenden Modernisierung des Staates und der Sprachkenntnis der höheren Volksschichten wird sich naturgemäß auch der Bedarf an Unterrichts- und wissenschaftlichen Werken, sowie solchen der schöngeistigen Literaturen des Abendlandes steigern. Das hier gezeichnete Bild wäre unvollständig, wenn nicht auch die neuere türkische Literatur mit einigen Strichen skizziert würde. Das gegen Ende des vorigen Jahrhunderts beginnende energische Erwachen des türkischen Geistes, der seit dieser Zeit unleugbar vor sich gegangene Aufschwung auf allen Ge bieten des Volkslebens, sowie das Bestreben, das lange Zeit widerwillig getragene Joch abendländischer Bevor mundung abzuschütteln, dies alles hat auch eine geistige und literarische Reformation gezeitigt. Die türkische Literatur und Sprache haben in diesem Zeitraum eine völlige Umwälzung durchgemacht. Die türkische Moderne trägt einen ausgesprochen nationalen Charakter; mit Vorliebe geht sie auf die großen Männer der Vergangenheit zurück, gern behandelt man nationale Motive der Vergangenheit. Alles, was die alte Türkei groß und mächtig ge macht hat, der wunderbare Heroismus ihrer Männer, der wahr haft spartanische Geist, der das ganze Volk durchwehte, das durch dringende tief religiöse Gefühl, das den Altvordern ihre Stärke verlieh, das ist der Jugendborn, aus dem die Literatur der 75*
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