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Börsenblatt für den deutschen Buchhandel : 10.07.1872
- Strukturtyp
- Ausgabe
- Band
- 1872-07-10
- Erscheinungsdatum
- 10.07.1872
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- Deutsch
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2546 Nichtamtlicher Theil. ülL 158, 10. Juli. ebenso in vielen andern Lebcnsvcrhältuissen ergänze», daß ich et was ipät, jedoch nicht zu spät kam, und immer noch jo, daß ich zu rechter Zeit an meinen rechten Platz gelangte, und wohl mit mehr Bortbeil, als wenn es zeitiger geschehen wäre. Eine Hauptbeschäf tigung in der ersten Zeit war für mich das Collationircn, d. h. das Durchsehen der, zumal zur Meßzeit von den Verlagshändlern an die Sortimcntshändler eingesandten Novitäten (neuen Bücher), ob sämmtliche Bogen und etwa dazugehörige Beilagen vollständig vorhanden, fehlende aber von der Verlagshandlung noch zu ver langen wären, weil die Bücher damals mit seltener Ausnahme nur in losen Bogen versendet wurde». Diese Durchsicht war mir ein sehr erfreuliches Geschäft, weil ich dadurch mit den Novitäten be kannt ward, und manches Interessante darin fand. Während des ersten Vierteljahres meiner Lehrzeit hatte ich von einem ältere», in der Handlung befindlichen, sehr verschmitzten Lehrburschen viel zu leiden, welcher mich bei dem Prinzipal als faul und ungeschickt möglichst «»schwärzte und, um weniger beob achtet zu sein, mich wiederum fortgeschickt wünschte; es fehlte auch nicht viel, daß mein Prinzipal, der jenem zu viel Vertrauen schenkte, mich als unbrauchbar den Eltern zurückscndete, wie er dem Vater auch bereits geschrieben hatte, der aber aus einer Durchreise durch Leipzig um längere Prüfung bat. Man denke sich meine Ueber- raschung, Angst und Sorge, als der Vater I»ir die so ganz unge ahnte Beschwerde über mich mitthcilte. Nach Löbau wäre ich aus keinen Fall zurückgekehrt, ich bot mich vielmehr für den Fall der Entlassung bereits, obwohl fruchtlos, einem Advocaten, sowie einem Bücherauclionator als Schreiber an, und sann auf andere Auswege, z. B. noch zu studiren, denn einige selbst unbemittelte Lausitzer Studenten wollten mich in ihr Logis ausnchmen, für das Eonvici sorgen u. s. w. Da wendete sich plötzlich das Blättchen. Jener Lehrbursche ward kurz vor den Weihnachtsseiertagen, als er sich für diese bereits aus der Cafsc mit Geld versehen hatte, vom Prinzipal als Dieb entdeckt und ohne Weiteres fortgcjagt; mir aber gelang es, durch Eifer und Treue das vom Prinzipal von die ser Stunde an mir geschenkte Vertrauen zu rechtfertigen und sein Wohlwollen zu gewinnen, welches er mir auch lebenslänglich be inah! t hat. Ich vermochte bald des Entlassenen Geschäfte genügend, zu versehen, die ja ohnehin mit meinen Neigungen übereinstimmten. Nu» konnte ich mich so recht mit Büchern beschäftigen und mir die ansprechendsten zum fleißigen Lesen in de» Freistunden auswählen, sowie ich auch in dem Umgänge mit einigen bildungseifrigen ande re» Buchhandlungslchrlingen und noch von der Schule her befreun dete» studirenden Landsleuten manchen erfreulichen Genuß fand. Darauf aber, daß ich nur mit achtbaren jungen Männern umging, hatte mein Prinzipal genaue Aufsicht, und seinen Belehrungen und Warnungen dankte ich es noch lebenslang, nicht aus Abwege gerathen zu sein. Das seitdem mehr und mehr eingetretene Ver hältnis;, daß die Lehrlinge nicht wie zu meiner Lehrzeit bei dem Prinzipale Kost und Logis erhalten, ist unbezwciselt nachtheilig, da sie apßcr den Geschäftsstunden sich selbst überlassen und ohne genügende Erfahrung nur zu leicht auf Abwege gerathen. Vom Prinzipale und seiner würdigen Gattin überhaupt mit fast pflegelterlicher Güte und Fürsorge behandelt, verlebte ich seit jenen, ersten Vierteljahre eine sehr vergnügte Zeit. Ich war aber auch bestrebt, in der für unerfahrene Jünglinge so leicht gefahrvollen Stadt stets auf dem rechten Wege zu verbleiben. Zu diesem Zwecke wurden mir oft vor die Augen kon,inende Gedenkzettel mit ausge wählten Lebensregeln oder auch nur mit darauf bezüglichen ein zelnen Worten oder Buchstaben angewendet, wie dies und ähnliche Erinnerungszeichen später in einigen meiner Schriften nach Franklin, Salzmann re. zum Hüten vor Unrecht und zu beeifertem Streben nach allseitiger Vervollkommnung ancmpfohlen wurden. Allerdings trug die fleißige Fortführung der Tagebücher nicht minder dazu bei, aus die stete sorgsame Beachtung der Lebensbahn hinzuweisen, und überdies diente meine, auch damals in den freien Stunden eif rig fortgesetzte Beschäftigung mit Lieblingswissenschaften zugleich zur genügenden Abhaltung von Müßiggang und Langeweile und den durch diese oft herbeigeführten Abwegen. Köhler's Buchhandlung bot mir genügende Gelegenheit dar, all- Zweige des Geschäfts kennen zu lernen, indem sie außer dem betriebenen Sortimentshandel, d. i. mit von anderen Buchhändlern gedruckten und verlegten Schriften, auch eigenen Verlag verband und die Commissionsgcschäfte für eine Anzahl auswärtiger Buchhandlungen zu besorgen hatte. Ich lernte dabei zugleich auch das Druckerei-, das Recensions - und Redactionswesen, sowie überhaupt das schriftstellerische Wirken und Treiben allseitig kennen. Damals war die auf die Ritter- und Räubergeschichten fol gende Periode der empfindsamen Romane, der gemüthlichen Fami liengeschichten und sogenannten biographischen Romane noch in Flor: Schilling, Schulz (Laun), Kotzebue, Haken, Winkler (Th. Hell), Zschokke u. a. waren gesuchte Autoren; besonders aber war der protestantische Prediger Äug. Lasontaine bei Halle der hervorragendste und beliebteste Verfasser von wohl 80 solchen Romanen, die von Leih bibliothekaren und vomLesepublicum stets sehnsuchtsvoll erwartet wur den. Ich wurde also mit diesem Zweige der Literatur genau vertraut, zumal unsere Handlung die Versendung zahlreicher derartiger Schriften zu besorgen hatte, wogegen Schiller's und Goethe's Werke nur spär lich abgesctzt wurden. — Auch hatten wir die Versendung der Jung- Stilling'schen Schriften zu besorgen, besonders die von dessen Zeit schrift „der graue Mann", nach welchen von Bürgern und Land leuten häufig gefragt ward. Ich wurde dadurch zugleich mit der interessanten Lebensgeschichte dieses sich zum Pietismus hinncigenden, höchst verdienten und wegen seines festen, sich auch meist verwirk lichenden Glaubens an eine höhere Führung und Errettung aus Noth und Sorge merkwürdigen Mannes bekannt, dessen Biographie sein Freund Goethe selbst zum Druck brachte. Er erhob sich vom Schneider lehrling zum Dorfschullehrer, dann zum Professor der Eameralistik und baden'scken Hosrath und später zum gesuchten Augenarzt. Ich errinnere mich noch aus meiner Jugendzeit, wie zu demselben, als er einmal in Herrnhut anwesend war, unzählige Augenkranke aüß allen Gegenden herbeiströmten und Alle seines Lobes voll waren. Sein Leben verdient allgemein gekannt zu sein. Wissenschaftliche Privatbeschäftigungen. Nicht nur in meinen Schriften, sondern auch in mündlicher Unterhaltung, zumal mit jungen Leuten, habe ich öfters den Wunsch ausgesprochen, daß Knaben an das Halten von Tage- oder Wochen büchern zum Anmerken ihrer Erlebnisse, welches zugleich einen erfreulichen, Jedem zu wünschenden Sinn für historisches Wissen anregt, gewöhnt werden möchten, und ebenso zur Wahl vonLieb- lingswissenschasten, Anlegung von wissenschaftlichen Sammlungen, oder auch zur Aneignung von angenehmen und nützlichen Kunstfer tigkeiten (Musik, Zeichnen re.), um als freistehende, sich selbst über lassene Jünglinge desto eher dadurch von nur zeitvertreibenden und nachthelligen Beschäftigungen abgehalten zu werden; sie werden ihnen auch dann noch, wenn sie zum ernsten, bedachtsamen Manne gereift sind, manchen hohen Genuß bereiten. Bei der Lectllre möge man zuweilen auch Biographien verdienter und geachteter Männer wählen, und zwar weniger die von Fürsten und Helden, als viel mehr von Gelehrten und gewerbfleißigen Bürgern, je nachdem ihr Berufssach dem Leser nahe steht und insofern sie geeignet sind, ihnen edle Vorbilder zur Nacheiferung darzubieten. Möge man diese Nebenbeschäftigungen auch Steckenpferde nennen, so sind sie jedenfalls edler Art und von günstigerem Einflüsse als Gefallen finden am Kartenspiel zum Geldgewinn und an sinnlichen Genüssen über den Bedarf oder ähnlichen tadclnswerthen Beginnen, wel-
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