Suche löschen...
Börsenblatt für den deutschen Buchhandel : 08.06.1920
- Strukturtyp
- Ausgabe
- Band
- 1920-06-08
- Erscheinungsdatum
- 08.06.1920
- Sprache
- Deutsch
- Sammlungen
- Saxonica
- LDP: Zeitungen
- Zeitungen
- Digitalisat
- SLUB Dresden
- PURL
- http://digital.slub-dresden.de/id39946221X-19200608
- URN
- urn:nbn:de:bsz:14-db-id39946221X-192006087
- OAI-Identifier
- oai:de:slub-dresden:db:id-39946221X-19200608
- Nutzungshinweis
- Freier Zugang - Rechte vorbehalten 1.0
- Lizenz-/Rechtehinweis
- Urheberrechtsschutz 1.0
Inhaltsverzeichnis
- ZeitungBörsenblatt für den deutschen Buchhandel
- Jahr1920
- Monat1920-06
- Tag1920-06-08
- Monat1920-06
- Jahr1920
- Links
-
Downloads
- PDF herunterladen
- Einzelseite als Bild herunterladen (JPG)
-
Volltext Seite (XML)
Börsenblatt f. b. Dtschn. Buchhandel. Redaktioneller Teil. 123, 8. Juni 1820. waren besonders schön, ein Bad in der Weser etwas ganz .herr liches. Waren wir mal gut bei Kasse und wollten wir uns eine behaglich« Stunde verschaffen, so besuchten wir den Ratskeller, wo wir eine gute Flasche Wein - es war, wenn ich nicht irre, »Wiukeler Hasensprung«- — für ,7k 1.50 zu uns nahmen; zweimal habe ich sogar Austern gegessen. Aber große Sprünge konnte ich nicht machen, denn das Leben in Bremen war teuer und mit 90 ^ monatlich auszukommen nur bei größter Sparsamkeit mög lich, zumal da Ausgaben für Kleidung usw. nur in monatlichen Raten abgezahll werden konnten. Bremen hatte bereits die Markwährung eiugeführt, obwohl es noch keine neue Münzen gab; aber das alte Geld soll so schlecht gewesen sein, daß es aus dem Verkehr gezogen werden mußte. So behals man sich mit preußischen Münzen und zählte bei Taler stücken mit 3, 6, 9 usw. Mark, was mir zunächst sehr sonderbar oorkam, an das ich mich aber bald gewöhnte, zumal da die Buchhaltung in der Markwährung, die nur Mark und Pfennig kennt, erheblich einfacher und bequemer ist, als wenn man drei Spalten mit Taler, Silbergroschen und Pfenning vor sich hat. Die Umrechnung in Markwährung hatte insofern ihre Schwierig keiten, als bekanntlich der Silbergroschen in Preußen in 12 Pfen ninge, der sächsische Neugroschen dagegen in 10 Pfennig geteilt war; es hieß also zunächst die Pfenninge in Groschen und diese in Taler umzurechnen, eine heule kaum noch verständliche, jeden falls ebenso umständliche Arbeit wie heute noch bei der englischen Währung. Überall hörte man damals in Bremen, vor allem in den Gasthäusern, auch von vornehmen Patriziern Plattdeutsch sprechen, was für mich, den Sohn der norddeutschen Tiefebene, etwas ungemein Anheimelndes und Gemütliches hatte. Zu den regelmäßigen und häufigen Besuchern des Geschäfts gehörte der damalige Stadtbibliothekar und berühmte Reise« schriftsteller I. G. Kohl, der sich die Zeitschriften und sonstigen Neuigkeiten meist selbst mitzunehmen Pflegte. Dabei kam es einst vor, daß ihm die Blattkonten für den Lesezirkel mit einge packt wurden. Natürlich wurden sie gleich vermißt, aber alles Suchen, selbst ein Botengang nach Schwachhausen — in der Ver mutung, daß die dortige Botenfrau die Konten versehentlich mit genommen habe — erwies sich als vergeblich, bis schließlich Kohl als Retter in der Not auftauchtc und das schmerzlich Vermißte zutage förderte. Es war ein schönes Jahr, das ich in Bremen verleben durste. Zwar hätte ich ein Mehr an Arbeit wohl ertragen können; aber dem Körper war die nötige Erholung zuteil geworden. Gern wäre ich länger geblieben, zumal da auch mein Geschäftsherr mich nur höchst ungern ziehen lassen wollte, aber es ging leider nicht. Meine in Berlin wohnende Mutter war erkrankt und brauchte mich, und so mußte ich mit Bedauern von allem, was mir in Bremen liebgeworden war, scheiden, um zum 1. April 1870 nach Berlin zurückzukehreu. Berlin 1 875/187 6. Wer zu jener Zeit als BuchhandlungSgehilse gern nach Berlin wollte, konnte sicher sein, in kürzester Frist eine Stelle zu erhalten in W. I. Peisers Sortiment und Anti quariat (Louis Meyer). Da mir nichts anderes ange- boten wurde, nahm ich trotz mancher Bedenken hier die erste Gehilfenstelle mit 120 Gehalt an. Das Geschäft lag in der Friedrichstraße, Ecke Georgenstraße, an der Stelle des jetzigen Bahnhofs Friedrichstratze. Der Tausch mit Bremen war buch stäblich wie Tag und Nacht: dort alles sauber, hell, freundlich und geräumig — hier dunkel, eng, unordentlich und über alle Maßen verschmutzt. Der Laden war so niedrig und dunkel, daß nur der Geschäftsherr, dessen Arbeitsplatz zwischen Schau fenster und meinem Pult war, bei Tageslicht arbeiten konnte, während bei mir den ganzen Tag eine trübselige Gasflamme — Glühlampen waren noch nicht erfunden! — brannte. Kein Wunder, daß es die Gehilfen bei Herrn M. nicht lange aushielten, zumal da er auch mißtrauisch und kleinlich war; es war ein ständiger Wechsel. Das Geschäft war lebhaft, und ich lernte hier besonders die wissenschaftlich« Literatur kennen. Auch verkehrten dort zahlreiche Professoren von der nahen Universität; ich lernte! S7S unter anderen kennen Ed. von Hartmanu (den Philosophen des Unbewußten), Or. G. v. GiLycki, K. Euler und Eckler von der Turnlehrcr-Bildungsanstalt u. a. Studierende Japaner und son stige Ausländer gehörten zur ständigen Kundschaft, die dem Ge schäft auch in ihrer Heimat treu blieben, sodaß sich ein ziemlich reger ausländischer Verkehr entwickelt hatte. Während meiner Tätigkeit wurden einmal zwei größere Sendungen nach London und Japan verwechselt; was die Richtigstellung an Ärger, Zeit und Kosten verursachte, läßt sich denken ; aber schließlich kam doch alles ins rechte Geleis. Auf den Wunsch des Herrn Meyer war ich schon eine Woche vor dem Termin eingetreten, da die Ostermesse noch nicht er ledigt war und ich noch mit meinem Vorgänger Zusammen arbeiten sollte. Ostern fiel auf den 28. März; man kann sich des halb denken, daß es reichlich zu tun gab: die Zahlungsliste konnte erst am Sonnabend vor Kantate mit Eilbrief abgesandt werden! Wegen der vielen Arbeit waren die Leipziger Sendungen seit mehreren Wochen noch nicht erledigt: die Bücher lagen ausgepackt mit ihren Fakturen ringsum auf den Ladentischen. Auf meine er staunte Frage, weshalb die Sendungen nicht ausgezeichnet wür den, erwiderte mein Vorgänger, das besorge Herr Meyer selber, daran dürften wir nicht rühren. Trotzdem machte ich mich an-, nächsten Morgen über die Sendungen her, zeichnete die Bücher aus, ordnete sie nach Wissenschaften und legte die Fakturen Herrn M. aufs Pult. Die Wirkung war schrecklich: als Herr M., die Tür öffnend, die unerwartete und ungewohnte Ordnung sah, prallte er entsetzt zurück und stammelte: »Wer — wer hat das getan?-- Ich bekannte mich als den Schuldigen, woraus er zorn bebend sagte: »Hat man Ihnen nicht erklärt, daß ich das selbst zu tun pflege?« — »Gewiß, Herr Meyer; aber die Sendungen lagen schon wochenlang herum und mußten doch einmal fort-. Da überlegte er und — gab sich zufrieden; später hat er mir sogar gesagt, daß ich durch dieses selbständige Vorgehen seine besondere Achtung erworben hätte. Am nächsten Morgen ging's an den Packraum, ein ziemlich düsteres, mit einem schmalen Fenster versehenes Gemach, dessen Mschreibung ich mir ver sagen möchte. Pappen, Kisten, Makulatur, Stricke und Bindfaden lagen in fürchterlichem Wust so durcheinander, daß man kaum austreten konnte. Ich nahm mir die verfügbaren Leute (Lehrling und Austräger — der zweite Gehilfe lehnte eine Mitarbeit dankend ab) her und ging ihnen mit gutem Beispiel voran, sodaß wir in zwei Stunden, bis zur Ankunft des Gcschäftsherrn, diesen Augiasstall gereinigt hatten. Nachdem mit mehreren Eimern Wasser Grund geschaffen, wurden die Pappen nach Größe ge ordnet und sauber aufgeschichtet und die Bindfaden und Pack- stricke behufs gelegentlicher Entwirrung und Sortierung in eins Kiste getan. Herr M. kommt, sieht und — sagt nichts. Neben dem Eckladen, nach der Friedrichstratze hinaus, lag das Antiquariat, aber durch Regale derart verbaut, daß es darin stockdunkel war und Bücher nur mit Handleuchtern gesucht wer den konnten. Was es enthielt, ob ein Verzeichnis seiner Be stände überhaupt vorhanden war, habe ich nicht erfahren können, denn Herr M. hielt es nicht für nötig, mich darin einzuweiseu; mein« Hoffnung, hierin ineine Kenntnisse zu erweitern, blieb vergeblich. Im übrigen vertrugen wir uns ganz gut, nachdem wir uns näher kennengelernt hatten; auch die Angestellten waren im ganzen willig. Mit dem 2. Gehilfen war freilich nicht viel aufzustellen; übrigens verschwand er bald, nachdem sich seine Ehrlichkeit als mangelhaft erwiesen hatte. Über seinen Nach folger werde ich noch zu sprechen haben. Eine Zeitlang hatten wir einen Lehrling und einen Boten, beide jüdischen Glaubens; sie betrachteten ihre Stelle nur als vorläufige und als geeignete Gelegenheit, ihren Drang nach Erweiterung ihrer wissenschaft lichen Kenntnisse zu befriedigen, und sie verwendeten jede müßige Minute auf ihr Studium. Der Bote hat außerdem fast die garrzc Nachtzeit geopfert, um sich für das Universitätsstudium vorzube- rciten, und seine Armut hat ihn nicht gehindert, das Ziel auch tatsächlich zu erreichen! Was aus den beiden später geworden ist, habe ich leider nicht erfahren. An jedem Monatsersten war Empfangstag: es stellte sich nämlich eine Anzahl alter Frauen ein, um sich ihr Almosen zu
- Aktuelle Seite (TXT)
- METS Datei (XML)
- IIIF Manifest (JSON)
- Doppelseitenansicht
- Vorschaubilder