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Börsenblatt für den deutschen Buchhandel : 08.01.1913
- Strukturtyp
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- 1913-01-08
- Erscheinungsdatum
- 08.01.1913
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5, 8. Januar 1913. Redaktioneller Teil. Börsenblatt s. d. Dtschn. Buchbandcl. 203 Berliner Briefe. i. Kulturelle Jahresbilanz. — Die neue» Klassiker. — Politische Ver bände als Verleger. Nicht ohne Neid blicke ich bei dem Versuch, eine kulturelle Berliner Jahresbilanz zu ziehen, auf die Kollegen, die aus an deren Städten »Briefe« liefern. Sie haben's leichter! Sie brauchen sich nicht mit der heiklen Vorfrage aufzuhalten: »Kann man bei dieser Stadt überhaupt von einer einheitlichen Kultur sprechen?« Ihnen ist das unbestrittene Kulturmilieu die Basis, die ihnen gerade durch ihr Beharrungsvermögen die Möglichkeit gibt, die flüchtige Erscheinung einer Jahresperiode zu erkennen und an einem »festen« Maßstabe zu messen. In Berlin ist das unmöglich. Wo die Grenze eines Saisonereignisses gegen eine einschneidende geistige Umwälzung zu ziehen ist, das wird bei uns, den Zeitgenossen wenigstens, in den meisten Fällen ein Rätsel bleiben. Was ist Kultur? Sie ist nicht »Bildung«, — die in Berlin zweifellos in reichem Maße vorhanden ist. Ja, insofern Bildung doch immer im wesentlichen individuell ist, wird man einen ge wissen Gegensatz zwischen beiden konstatieren können. Gewiß, ihren Ausdruck findet auch die Kultur beim Individuum. Das Individuum ist der Träger, Genießer der Kultur, ihrPro duz e n t ist aber immer eine Mehrheit. Nehmen wir rein zeitlich eine Reihe von Generationen, so ist Kultur so etwas wie eine gute Familientradition, ein ewiger Schatz, von dem der einzelne innerhalb seiner Zeitspanne zehrt. Machen wir den Querschnitt, so kommen wir ans Standesbewußtsein, Korpsgeist usw. Auch Rasse oder Religion kann die Quelle der Kultur bilden, indem sie den Durchschnittsmenschen zum Träger und Verwalter von inneren Werten macht, die selbständig zu produzieren ihm die Fähigkeit wie die Zeit fehlt. Wer diese — ganz grob gezogenen — Richtlinien als treffend anerkennt, wird nun auch verstehen, warum Berlin, trotz aller Bil dung im einzelnen, keine »Kultur« besitzt. Der äußeren Gründe sind viele. Das amerikanische Wachstum der Stadt, das der Grund ist, daß eine eigentliche Bürgerschicht als Trägerin einer lokalen Tradition keine ausschlaggebende Rolle spielt. Die durch vielerlei wirtschaftliche und politische Gründe bedingte schnelle Entwicklung zum Reichtum machte die soziale Lage von Vater und Sohn zu verschieden, als daß Familientraditionen eine Rolle spielen konnten. Viele andre Gründe, deren Aufzählung zu weit führen dürste, haben mit zu dem Resultat geführt, daß es in Deutschlands Hauptstadt eine große Menge kultureller Kreise gibt, die sich vielfach decken und schneiden, daß man aber von einer gemeinsamen geistigen Basis, wie wohl in den meisten Großstädten Europas, nicht oder wenigstens noch nicht sprechen kann; und daß — um in dem mathematischen Bilde zu bleiben diese Kreise, deren Durchmesser (geistiges Niveau) natürlich auch in andern Städten verschieden ist, in Berlin keinen gemein samen Mittelpunkt besitzen, nicht konzentriert sind. * » Unter diesen Voraussetzungen gehe ich nicht ohne Zagen daran, eine geistige Strömung des letzten Jahres zu fixieren, von der ich glaube, daß sie doch tieferliegende Ursachen und dauernde Bedeutung besitzt. Aus mancherlei Anzeigen schließe ich, daß »die Moderne« — der Name haftet nun mal der Sturmperiode der achtziger und neunziger Jahre an — auf dem Wege ist, klassischzu werden. Das Schicksal der Modernen ist ja allge mein bekannt, es ist Wohl auch das typische Schicksal jeder neuen Kunstrichtung. Erst überschätzt, dann, als die Gegner sich von der Überrumpelung erholt hatten und gleichzeitig der Di lettantismus der Nachahmer auch bei den anfänglichen Gönnern den Spott hervorrief, unterschätzt, dann, als eine neue Bewegung, die Neuromantik, zur Ablösung aufzog, eine Zeitlang fast vergessen, um nun endlich im vierten Stadium Objekt der gelehrten Forschung zu werden. Daß in unserer schnellebigen Zeit sich all diese Verwandlungen innerhalb von kaum 20 Jahren vollzogen haben, daß die Führer der Moderne zum großen Teil noch als Lebende unter uns weilen, also als noch Schaffende schon in ihrer Gesamtpersönlichkeit gewertet werden, erscheint zunächst als eine Anomalie. Und doch ist in diesem Falle die Geschichte etwas wie ein Gericht. Sie konsta tiert, indem sie unerbittlich den Strich unter diese Periode zieht, daß die Moderne, wenn auch nicht in ihren Wirkungen, so doch als selbständige Kunstperiode abgeschlossen ist, daß von ihren noch lebenden einstigen Begründern eine Fortentwicklung im großen und ganzen nicht mehr zu erwarten steht. Wenn man mich nun fragt, auf welche exakten Tatsachen ich diese Behauptung gründe, so gerade ich allerdings etwas in Verlegenheit. Es ist im wesentlichen ein Gefühl, das sich auf manche kleine Einzelbeobachtung stützt. Den äußeren Anlaß gab, soweit ich beurteilen kann, die teilweise Bekanntgabe der Friedrichschen Sammlung in Leipzig vor 2 Jahren. Diese Briefe der Jungdeutschen riefen keine Polemik, sie riefen schon etwas wie historisches Interesse hervor. Daß gerade Hermann Con rad i durch seinen frühen Tod, als abgeschlossene Persönlich keit, in erster Linie interessierte, ohne daß man sich die noch Le benden zunächst vornahm, war ein immerhin interessantes Sym ptom. Es war wohl der äußerliche Anfang, bald aber kam ande res hinzu. Man trat ihnen plötzlich nicht mehr als Freund oder Feind gegenüber, man suchte sie zu verstehen. Man schrieb keine Broschüren mehr über sie, sondern Doktorarbeiten. Man führte nicht ihre neuesten Stücke auf, sondern grub Jugendarbeiten als »interessant« wieder aus. Parallel ging die bibliophile Ein schätzung. Man interessierte sich plötzlich für ihre Erstlings arbeiten, andrerseits »sammelte« man ihre Werke. Kurz gesagt, lebende, noch kämpfende Menschen waren wider Willen sachte in berühmte Leichname verwandelt. Bei Lebzeiten »klassisch« oder bei Lebzeiten »vergessen«. Was schlimmer ist, entzieht sich meiner Beurteilung. Einer, der noch vor den Modernen bekannt wurde, aber noch immer unter uns weilt, hatte gegen derartiges eine Waffe, die gerade die Modernen verhältnismäßig selten be sitzen, den Humor. Weil diese Anekdote von Julius Stettenheim wenig bekannt sein dürfte, möchte ich sie mit der Saldierung, daß ich sie nur aus zweiter Hand besitze, hier an- schlietzen: Stettenheim erzählte einst im Freundeskreise, dem auch mein Gewährsmann angehörte, ihn hätte eines Tages die Lust angewandelt, im Konversationslexikon nachzulesen, was über ihn gesagt sei. Und da hätte er gefunden: »I. St., Begründer der Berliner Wespen usw. usw. Erfinder der Wippchenfigur usw. usw. Jetzt läng st vergessen. 8i non tz vsro Auch die Moderne hat Ausnahmen hervorgebracht, Persön lichkeiten, deren Schaffen nicht mit einer äußerlichen Periode ihr Ende erreicht, die als Individualität stark genug waren, weiter zu wirken. GerhartHauptmann hat diese Klassizi tät in besserem Sinne an seinem 50 jährigen Geburtstag kon statieren können. Und wenn um ihn, auf einer gemeinsamen Basis der Anerkennung, der Kampf im Einzelnen immer noch weiter geht, so kann er das im Gegensatz zu vielen seiner Jugend genossen nur als Kompliment betrachten. Wenige Wochen nach jener Feier schloß der getreue dra matische Eckart sovieler jungdeutschen Dramatiker Otto Brahm die Augen. Er hat sich auch durch literarhistorische Studien u. a. (Heinrich v. Kleist; Fleische! L Co., Berlin) einen Namen gemacht. * » * Weiterhin möchte ich noch auf einige Publikationen allge meinen Interesses Hinweisen. Da sind in erster Linie die Kunstdenkmäler derProvinz Brandenburg, deren Kosten »weit über Menschliches hinaus«reichen. Bis jetzt ist erst ein Viertel des Werkes erschienen, das bereits 400 000 ver schlungen hat. Es hat sich gezeigt, daß die Druck- und Her stellungskosten der zahlreichen Abbildungen viel höher sind, als veranschlagt wurde. Nach einem Überschlag kann das Gesamt werk auf Millionen Mark zu stehen kommen; es soll jedoch trotzdem nicht von dem früheren Programm, möglichst viel Ab bildungen zu bringen, abgewichen werden, und jedes Jahr sollen 70 000 ^ in den Etat gesetzt werden; die Vollendung dürste erst in zwölf Jahren zu erwarten sein. 27*
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