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Börsenblatt für den deutschen Buchhandel : 11.02.1907
- Strukturtyp
- Ausgabe
- Band
- 1907-02-11
- Erscheinungsdatum
- 11.02.1907
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- Deutsch
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weiß, daß seine Schöpfungen in die Hände zahlreicher Gebildeter, der Angehörigen der höhern Stände gelangen, schreibt nicht mehr mit der nachtwandlerischen Sicherheit und Unbefangenheit wie früher. Er ist sich bewußt, daß er vor dem Richterstuhl eines kritisch veran lagten, verwöhnten Publikums zu stehen hat. Er schreibt für Leser, nicht für Zuhörer, und so geht die enge Ver bindung mit der Musik verloren, die in den frühesten Zeiten der Poesie als notwendige Begleitung des Textes allenthalben ihr Recht behauptet hatte, wenn auch die Handschriften schon sehr früh mit Hilfe der Neumen, der über den Text gesetzten Notenzeichen, die Melodie anzudeuten wußten. Allerdings bleibt das Schaffen des Dichters auch jetzt noch von einem wesentlichen Einfluß frei, der es später am stärksten umgestalten sollte. Die römischen Verleger haben, soviel wir wissen, keine Honorare gezahlt, und so waren die Autoren, wie vorher, auf die Gnade der Gönner oder auf unliterarischen andern Erwerb angewiesen. Horaz verdankte nicht den Sosiern, sondern seinem Maecenas das behagliche, sorgenlose Dasein auf seinem Landgut im Sabiner land, und ebensowenig hat irgend einer seiner römischen Kunstgenossen von der weiten Verbreitung seiner Dichtungen einen direkten Vorteil gezogen. Aber wenn ihr Ruhm die Jahrtausende überdauerte, wenn ihre Werke trotz aller Ungunst der Zeiten auf uns gelangten, so gebührt das Verdienst daran dem Buchgewerbe, das die großen öffentlichen Bibliotheken und die reichen Privatsammlungen des Altertums mit literarischen Schätzen füllte. Zählte doch allein die Bibliothek von Alexandria 700 000 Bände, und in Rom soll es im vierten Jahrhundert 29 öffentliche Bibliotheken gegeben haben, die von den Vor nehmen fleißig benutzt wurden. Die große Masse, die Un begüterten und die Sklaven, blieben freilich von allen geistigen Genüssen ausgeschlossen; das Buchgewerbe des Altertums diente nur dem Luxusbedürfnis einer kleinen Minderheit. Wie auf allen Lebensgebieten schuf das Christentum auch für die Literatur ganz andre Bedingungen. Das religiöse Interesse trat für ein Jahrtausend in den Vorder grund; Kunst und Wissenschaft wurden ihm dienstbar und die Klöster die einzigen Pflegestätten höherer Bildung. Der Fleiß der Mönche, zumal der Benediktiner, bewahrte durch Abschriften die Denkmäler der heidnischen und der christlichen Dichtung vor dem Untergang; aber von einem gewerbsmäßigen Betrieb kann bei ihrer Tätigkeit nicht die Rede sein, weil die kunstvollen, mit aller Pracht der Miniaturmalerei ge schmückten Handschriften nur zur Erbauung und Belehrung im Kloster dienten. Allmählich wurden die Mönche faul und sittenlos. Richard de Bury sagt 1344 im »Philobiblion«, dem ersten Buch über Bücherliebhaberei: »Die Mönche schwelgen heutzutage lieber iw. Leeren der Becher, als in der Verbesserung der Bücher«. Da bringt, seit dem dreizehnten Jahrhundert, die neu erwachende weltliche Literatur auch dem Buchgewerbe neuen Aufschwung. Schon 1259 erließ die Stadt Bologna strenge Vorschriften über den Handschriftenhandel; aber nicht um ihn zu fördern, sondern um ihn zu unterbinden, damit nicht andre Hochschulen von den Lehrbüchern Nutzen ziehen könnten. Auch die übrigen Universitäten erwiesen sich in kleinlichem Zunftgeist der Verbreitung literarischer Kenntnisse mit Hilfe des Handels durchweg feindlich, und so suchte sich das erwachte Bedürfnis nach Belehrung und Genuß durch die Lektüre andre Wege. Die Brüder vom gemeinsamen Leben, seit dem Ende des vierzehnten Jahrhunderts hoch verdient um die Wiedererweckung der geistigen Interessen, stellten zuerst Bücher im großen her, freilich nur Andachts und Meßbücher; aber sie zeigten doch zuerst das Mittel zur Neubegründung des Buchgewerbes, und der reiche Verdienst, Börsenblatt für den Deutschen Buchhandel. 74. Jahrgang. den sie aus den Abschriften zogen, mußte auch andre zu ähnlichem Erwerb locken. Die Herstellung schöner und kostbarer Bücher wurde zu einem eigenen Gewerbe, das namentlich im fünfzehnten Jahr hundert zu höchster Blüte gelangte. Von ihr zeugen uns noch heute Handschriften wie das Lrsviariviu Crimsoi, die Froissardsche Chronik, derHortuiu« aviwao, niemals nachher an Schönheit der Ausstattung wieder erreicht, geschweige denn übertroffen. Neben diesen Prachtwerken, die nur mit Rücksicht auf einzelne besonders begüterte Käufer hergestellt werden konnten, entstanden in weit größerer Zahl die einfachen Abschriften derjenigen Literatur, nach der allgemeine Nachfrage vor handen war. Im fünfzehnten Jahrhundert bildete sich auch in Deutschland, wie früher schon anderwärts, das Gewerbe der Handschriftenhändler aus, die auf Vorrat beliebte Bücher abschrieben und durch herumziehende Angestellte vertreiben ließen. Ein solches Geschäft hatte zwischen !440 und 1450 Diebold Lauber in Hagenau; erließ auch die alten großen Epen des Mittelalters, daneben kleinere poetische Werke, Sagen- und Volksbücher Herstellen und gab den Handschriften Ver zeichnisse seines Lagers Hei, die uns lehren, daß damals für die Dichtungen der mittelhochdeutschen Blütezeit offenbar noch ein reges Interesse vorhanden war. Das sehen wir auch aus dem Ehrenbrief, den 1462 Jakob Pütrich von Reicherts hausen an die Herzogin Mechthild von Österreich richtete. Da nennt er die 140 Bücher, die er in 40 Jahren zusammen gebracht hat »mit stellen, rauben auch darzue mit lehen, geschenkt, geschrieben, gekauft und darzue funden«, und am höchsten stellt er unter ihnen die Werke Wolframs von Eschenbach. Die Herzogin dagegen schwärmt für die neuere und neueste Literatur: die Ritterromane in Prosa, die bald auf dem Büchermarkt die erste Rolle spielen sollten. Denn diese Bücher, in denen von den Leiden und Freuden der Liebe, von einzelnen fein differenzierten Menschen die Rede war, entsprachen dem vorherrschenden Interesse des neu anbrechen den individualistischen Zeitalters. Und daneben wurden auch die ihnen nahestehenden ältern Epen Wolframs und Gottfrieds, die kleineren zum »Heldenbuch« vereinigten Sagen kreise und anderseits die ersten Übersetzungen von der Renaissancenooellistik bald nach Erfindung des Buchdrucks der Allgemeinheit zugänglich gemacht. Schon 1494 sitzt an der Spitze von Sebastian Brants »Narrenschiff« der Bücher narr, der von sich selbst sagt: Von büchern Hab ich großen Hort Verstand doch drynn gar wenig wort Und halt sie dennacht in den eren Das ich jnn wil der fliegen weren Wo man von Künsten reden dut Sprich ich, daheim Hab jchs fast gut Do mit laß ich begnügen mich Das ich vil bücher vor mir sych. Diese wachsende Freude am Erwerb und Besitz von Büchern ührt zu einer gänzlichen Umgestaltung der literarischen Verhältnisse. Der Buchhändler, zunächst noch auf kurze Zeit mit dem Drucker in einer Person vereinigt, spürt die Neigungen der Käufer auf und sucht sie zu befriedigen; der Literat wird zu einem notwendigen Gehilfen des Druckers und Verlegers. In der ersten Zeit des Buchdrucks galt es zwar den Gelehrten als schimpflich oder mindestens unfein, für ihre Werke bares Geld anzunehmen und sie ließen sich die Manu- kripte nur mit Freiexemplaren und andern Büchern hono rieren; aber schon Hutten wird von Erasmus von Rotterdam beschuldigt, daß er von seinem Verleger Geld angenommen habe. Thomas Murner verkaufte 1514 seine »Gauchmall« für 4 Gulden, keine so unbedeutende Summe, wenn man 210
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