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Börsenblatt für den deutschen Buchhandel : 13.07.1935
- Strukturtyp
- Ausgabe
- Band
- 1935-07-13
- Erscheinungsdatum
- 13.07.1935
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- Deutsch
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- Saxonica
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8076 X° >60, 13. Juli 1S3S. Fertige Bücher. Börsenblatt f. d.Dtschn.Buchhandel. eitdem mit Rilke ein geborener Briesschreiber sehr hohen Ranges dahiagegangen ist, war die deutsche Briefliteratur ziemlich verwaist. Dem eigentlich Episto- laren, das ein Stück Leben unmittelbar ansdrückt, mit allem Wesen und mit der ganzen Atmosphäre, ist ja die Zeit nicht sehr hold. Vollends von einer allgemeinen Kultur des Briesschreibens, wie ste gerade in Deutschland einmal bestanden hat, kann gegenwärtig noch nicht wieder die Rede sein. Die allnmhecdringeude INechanisterung der Lebeusbeziehnngen mag daran wesentlich die Schuld wagen. Möglich, daß ein reineres Zueinander von Nkensch zu Mensch, wie wir es alle ersehnen und mitheraufführen wollen, auch wieder eine Epoche der Briefliteratur im Gefolge hat, wie ja »ach dem Urteil eines gescheiten Mannes der Stand einer Gesamtkultur stch am zuver- lässtgsten ans ihren briestichen Zeugnissen ablesen läßt. Dieses Briefwerk, das der Rainer Wunderlich Verlag jetzt herausbringt, ist wie ein verheißungsvoller und be° glückender Auftakt. Hier stnd wirklich Briefe aus der Mitte unserer Zeit und zugleich aus dem onversteglichen Duell des zeitlos Menschlichen. Das Thema, die innere „Handlung" des Buches ist das Entstehen, Aufglüheu und schmerzhaft-selige Formwerden einer großen Liebe. Da es aber reise Manschen stnd, die diese ihre „graulle Passion" aneinander erleben, strömt gleich viel Welt in ihr Gefühl, verdampfen die Wirklichkeiten ihres Lebens nicht wie in der großartig-egozentrischen Leidenschaft Zwan zigjähriger, gewinnen ste vielmehr erst ihre größte Plastik und ihr volles schicksalhaftes Gewicht. „Wenn Leben heißt, das Bewußtsein des eigenen Daseins mit letzter Helligkeit zu spüren" steht in einem Brief des Mannes, „so habe ich das Gefühl, daß dies Bewußtsein in mir nie wieder erlöschen kann". Und ein andermal: „Es er schloß stch mir, daß nicht nur ans den unnennbaren Tiefen, aus den ,Schluchten der Seele* — sagt das nicht Ihre deutsche Ricarda Huch —, sondern fast stärker noch aus den bewußtesten, klarste» Regionen des Denkens jene Gewalt hcrvorbricht, die ich, seit ich ste kenne, Liebe nennen muß." Er: fast sechzigjährig, Engländer, aber in Deutschland ausgewachsen, beide Völker mit gleich starker innerer Nei gung umfassend, Aristokrat und Gelehrter, lange Jahre in Indien mit seiner prachtvollen Frau und Arbeitskame radin, die eine Seuche ihm wegnimmt (die Seiten über ihren Tod gehören zum Stärksten des Buches), nun am Genfer See stille, gesammelte Jahre verbringend. Er hat den großen, schönen Atem, das Planetarisch-Weite, das innerlich Glühende, dabei vollendet Beherrschte, die kiese Conrtoiste und die spröd-anmutige Humorigkeit, die bestem englischen Wesen eigen stnd. Sie: gegen vierzig, Deutsche, Norddeutsche, aus jenem lebendigen, deutschen Beamtentum, dem Pflicht Neigung und Neigung Pflicht bedeuten, tief mit dem Bruder und dem Freundeskreis um ihn verbunden, in der politischen Öffentlichkeit wirkend, klar, intelligent, wundervoll aktiv, aber dabei ganz ungebrochen weiblich und in aller Gei stigkeit doch „schenkende Erde". Sie hak jene tiefe, stolze Anmut des Herzens, jene verhaltene Süßigkeit des Wesens und jene herrliche Geradheit des Gefühls, die ste bei aller Heutigkeit fast zu einer Kellerscheo Fraoengestalt machen. Sie kommt in einer politisch-organisatorischen Mission nach Genf und lernt ihn dort kennen. Und nun beginnt in beiden das „ewige Spiel", von der ersten, verhaltenen Begegnung, die doch schon alles in stch enthält, bis in jene Sphäre, darin ans dem blanken Aether des Schicksals der Blitz niederfährt, segnend oder vernich tend. Unerhört schön, wie die Liebenden, nach außen und vor stch selber voll nobelster Haltung, innerlich durch die „unendlichen Räume" auseinander zukommen, wie ste stch immer tiefer ergreifen, immer stürmischer die Stadien der Empfindungen durcheilen, jeder dem andern zugehörig und doch jeder stch selbst behauptend. Selten mag dieses an einander Wachsen zwei starker Individualitäten so inkenstv und geistesstnnlich erlebt und gestaltet worden sein, wie hier. Munchmal weht wirklich ein Hauch aus der strahlende» Alterswelt des „Westöstlichen Divan" durch die Seiten. Beide stnd außerordentliche Briesschreiber, es ist ihnen ge geben, den Augenblick unmittelbar ins Wort, ins dichte rische Wort zu verwandeln. So hebt stch alles Persönliche immer gleich über stch selber hinaus, indem doch nichts ausgesprochen scheint als Persönliches. So wird alles, von der Magie des schöpferischen Gefühls berührt, ganz un gewollt zum Symbol, vor allem die Landschaft mit ihrer immer voller werdenden Melodie des steigenden und stch herrlich erfüllenden Jahres.
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