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Börsenblatt für den deutschen Buchhandel : 07.03.1935
- Strukturtyp
- Ausgabe
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- 1935-03-07
- Erscheinungsdatum
- 07.03.1935
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- Deutsch
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X- 56, 7. März 1935. Fertige Bücher. «vrs-iiME I. d.DUchn.»i>cht>ll„dil. 1033 Helene war bewegt. Sie empfand plötzlich Vertrauen und Zu neigung zu diesem schlanken, gntgekleideken Menschen, der jetzt so schwermütige Augen zeigte. „Ich darf doch nicht", wiederholte sie unentschlossen. „Und ich darf Ihnen als ansiändiger Mensch leider nicht mehr zureden", erklärte Alexander bekümmert. „Wenn ich in Berlin bliebe, könnten Sie sich zu jeder Zeit an mich wenden, leider bin ich Wochen-, vielleicht monatelang abwesend, und Exmissionsklagen laufen schnell. Ich wünsche Ihnen das Besie, liebe Frau Schu mann." Alexander lüstete die Melone und reichte ihr die Hand. Es war entschieden. Helene dachte angstvoll: die Miete. Sie stieß eine rettende Hand zurück, die sie vor einem Abgrund bewahren wollte. Angst wuchs in ihr, riesengroße Angst. „Ich ... ich ..." „Drüben ist schon die Slallschreiberstraße", sagte Alexander zögernd. „Vorsicht! Ein Autobus, Frau Schumann." Sie überquerten den Spittelmarkt. Alexander half sanft, kaum merklich nach. In der Seydelstraße gab er sprühende Witze von grundlos eifersüchtigen Ehemännern zum besten. Helene mußte lachen. Die Pension befand sich im ersten Stockwerk eines Vorder gebäudes in der Stallsckweibersiraße. Das Haus machte einen sehr anständigen, durchaus solide» Eindruck. Alexander läutete. Eine ältere, behäbige Frau öffnete. „Mein Zimmer, Frau Eisenstein, und zweimal Kaffee." Alex ander war hier zu Hause. „Bitte schön, Frau Schumann." Helene folcte mit klopfendem Herzen und schalt sich töricht. Die alte Frau war nett, und wenn der Mann wirklich dreist «erden sollte, konnte sie ja gehen. Sie war doch kein kleines Mädchen. Im Zimmer roch es ein bißchen ungelüstet, muffig. Die Einrich tung war altmodisch und verstaubt, das Fenster schlecht geputzt. Hier hätte Helene nicht wohnen mögen. „Bitte, legen Sie doch ab, Frau Schumann." „Ich möchte nicht." „Wie Sie wünschen. Ich muß erst ein Schreibzeug suchen. Rauchen Sie eine Zigarette?" Helene dankte und blieb in der Nähe'der Tür stehen. „Setzen müssen Sie sich schon", erklärte Alexander und kramte geschäftig im Schubfach eines Nachttisches. Inzwischen kam die Frau mit dem Kaffee und ging, ohne irgend welche Neugierde zu zeigen. „Nun, bitte, Frau Schumann." „Danke schön." „Seien Sie doch nicht so einfältig." Alexander grinste und zog die Widerstrebende an den Tisch und auf einen Stuhl. Bevor er Platz nahm, ging er zur Tür, drehte den Schlüssel im Schloß herum und steckte ihn dann in die Tasche. „Was soll das?" Helene stand auf und war sehr blaß. „Ich rufe um Hilfe, wenn Sie nicht sofort die Tür öffnen", drohte sie entschlossen. „Warum, Frau Schumann?" Alexander nahm gelassen am Tisch Platz und kostete den Kaffee. „Sie sollen die Tür öffnen!" „Das eilt doch nicht." „Ich rufe um Hilfe." Helene ging zum Fenster und schob die Vorhänge zurück. „Einen Moment noch, bevor Sie rufen." Alexander nahm einen zweiten Schluck Kaffee. „Der Kaffee ist wieder mal miserabel", stellte er fest. „Tu ich Ihnen was?" „Sie sollen öffnen!" „Anscheinend wollen Sie das Geld nicht mehr", erkundigte sich Alexander. „Ich will nichts! Ich wünsche nur sofort diese Tür geöffnet zu sehen." „Wenn Sie verzichten - schön. Ich dränge! keinem Menschen Geld auf. Nicht meinem leiblichen Bruder." Alexander besaß weder Bruder noch Schwester, er war der ein zige seiner Art. Er nahm einen dritten Schluck Kaffee und blieb die personifizierte Gelassenheit. „Wenn Sie schreien, werden Leute kommen", warnte er gut mütig. „Was soll ich denen erklären?" „Das ist Ihre Angelegenheit!" „Nicht auch Ihre»" „Sie wollen mich ... wollen mich ..." „Na, was denn?" „Das werden Sie wissen." „Nee, ich bin harmlos." Helene hatte das erste Erschrockensein überwunden, aber in ihren Knien blieb eine kleine Schwäche zurück. Alexander nahm den Schlüssel aus der Tasche und ließ ihn spielerisch um einen Finger kreisen. „Den Leuten, die Sie rufen wollen, muß ich erklären", sagte er, „daß ich Sie nach dem Preise einer Wurst fragte, daß wir daraufhin bekannt wurden, daß Sie mich in dieses Zimmer begleiteten, um dreißig Mark zu erhalten, und daß Sie wie eine bedrängte Jung frau um Hilfe gerufen haben." Alexander steckte den Schlüssel wie der ein. „Und die Leute", fuhr er lächelnd fort, „werden natürlich sofort der Überzeugung sein, daß Sie eine sehr anständige Frau sind, während ich ein ausgewachsener Schurke bin. Was meinen Sie dazu? Außerdem... Ihr Mann..., daß er von diesem kleinen Abenteuer erfährt, dürfte sich dann kaum umgehen lassen." Helene ließ erschrocken d->n Fenstervorhang fallen. In dieser Be leuchtung hatte sie den unbedachten Schritt noch nicht gesehen. Sie hatte sich doch nichts dabei gedacht. Sie war in Not. Die Miete... nun ein Skandal ... ihr Mann ... „Lassen Sie mich doch gehen", bettelte sie. Alexander erhob sich ohne Überstürzung. Er war schon am Pots damer Platz überzeugt gewesen, daß diese kleine Frau keine Pleite werden würde. Ein süßer Käfer und billig. Das Zimmer und den Kaffee dreimal wert. „Ich bin ein anständiger Mensch, Liebling", betonte er. „Aber wo steht geschrieben, daß ich deshalb auch ein ausgewachsener Idiot sein muß? Jungfrau biste »ich mehr - einen Mann haste auch - was kann schon passieren. Raus kommst« nur, wenn du schreist, schreien kannste nich, das siehste ein - also ..." Später eilte tzelenb, noch immer ein wenig benommen und wirblig, die Treppe hinunter. „Lieber Himmel, gib, daß Fritz nicht zu Hause ist!" flehte sie dabei, Es dämmerte schon stark. Die ersten Laternen flammten auf. Am Spittelmarkt sprang sie auf eine elektrische Straßenbahn und wech selte einen Silbertaler. Ihr erster angstvoller Blick galt den Fen stern ihrer Wohnung. Die waren nicht erhellt. Schumann war nicht zu Hause.
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