Suche löschen...
Börsenblatt für den deutschen Buchhandel : 09.02.1870
- Strukturtyp
- Ausgabe
- Band
- 1870-02-09
- Erscheinungsdatum
- 09.02.1870
- Sprache
- Deutsch
- Sammlungen
- Zeitungen
- Saxonica
- LDP: Zeitungen
- Digitalisat
- SLUB Dresden
- PURL
- http://digital.slub-dresden.de/id39946221X-18700209
- URN
- urn:nbn:de:bsz:14-db-id39946221X-187002097
- OAI-Identifier
- oai:de:slub-dresden:db:id-39946221X-18700209
- Lizenz-/Rechtehinweis
- Public Domain Mark 1.0
Inhaltsverzeichnis
- ZeitungBörsenblatt für den deutschen Buchhandel
- Jahr1870
- Monat1870-02
- Tag1870-02-09
- Monat1870-02
- Jahr1870
- Links
-
Downloads
- PDF herunterladen
- Einzelseite als Bild herunterladen (JPG)
-
Volltext Seite (XML)
434 Nichtamtlicher Theil. 32, 9. Februar. Nicht also bloß die Schriften von Luther, Hutten, Spengler, Paul Speralus, Weiße, Alberus, Sachs, Nicolaus Hermann, Fischart, Nollcnhagen, Johann Agricola und Anderen, sondern auch jene der wenigen Gelehrten des sechzehnten Jahrhunderts, welche überhaupt in dculschcr Sprache schriebe», z. B. der Geschichtschreiber und Chro nisten Avcntinus, Sebastian Frank, Thomas Kantzow, Aegidius Tschudi u. a-, des Geographen Sebastian Münster, der Theologen Matthesius. Zwingli, Johann Arndt u. s. w. sind mit Fracturschrift gedruckt. Ebenso war es, trotz der nun immer mehr überhand neh menden Fremdwörter und dadurch entstandenen Sprachmischung, die auch die Gelehrten anreizte, immer mehr lateinische Wörter dem Deutschen einznvcrleiben, im siebcnzehnten Jahrhundert, nur daß man die Lächerlichkeit beging, mitten in der Fracturschrift die frem den Wörter, mögen cs nun lateinische oder französische sein, mit Antigua setzen zu lassen: z. B. „die Herren Llociioi waren um und um mit jungen Herren Uraotäoanten und Uootoranten umgeben, Welche in dem ihren oursrun msäioumo absolvirten und zu Loo- toren wurden rc." — so schreibt Moscherosch, ein Mann, der doch die Fremdländerci und Sprachmcngcrei aus Herzens Grunde haßte und verabscheute. Ja man ging gleichzeitig in der Geschmack losigkeit so weit, daß man, wie aus dem angeführten Beispiel er sichtlich, sogar in einem und demselben Worte den deutschen und fremden Theil durch verschiedenen Druck unterschied- Man findet ebenso oonstituircn, ckivicliren, motiviren, u. s. w., ein Unfug, der erst im achtzehnte» Jahunderte aufhörtc, in welchem man aber daneben anfing, deutsche Werke ganz mit lateinischen Buchstaben zu drucken. Anfänglich war dieser Gebrauch auf gelehrte Werke be schränkt, bald drang er aber auch in die Werke der schönen Litera tur ein, wozu am meisten die Geistes- und Geschmackstyrannci bei trug, welche damals Frankreich ausübte. Cs waren eigentlich nicht die lateinischen Buchstaben, welche man in Werken für das Volk allmählich gebrauchte, als vielmehr die französischen, also nicht ein verbesserter Kunstgcschmack hat unsere Ahnen zur Annahme der lateinischen Buchstaben bewogen, sondern vielmehr die unglückselige Fremdländerci der damaligen Zeit. Am verbreitetsten war daher auch dieser Gebrauch in jenen Gegenden Deutschlands, welche vollständig unter geistige und politische Ober- Herrlichkeit Frankreichs gekommen waren. Die lateinische Schrift wurde deshalb in demselben Maße seltener, in dem die Fremdlän derei zurückging und das nationale Bewußtsein erstarkte. In den Zeiten der Freiheitskriege war der lateinische Druck, den man kaum zwei Deccnnicn vorher allgemein anznnchmen gerathen hatte, fast ganz außer Gebrauch gekommen. Seitdem hat er wieder einigen Boden gewonnen, namentlich in philologischen, medicinischcn und naturwissenschaftlichen Werken, bei denen er nicht zu unterschätzende Vorzüge besitzt. Denn abgesehen davon, daß in diesen Wissenschaf ten viele der lateinischen Sprache entnommene Kunstausdrücke Vor kommen, bringen die Citate aus lateinisch geschriebenen Schriften den deutschen Druck durch Störung seiner Einheit um die Schön heit. Hier war cs Jacob Grimm, der, obwohl er seine ersten Werke selbst mit Fracturschrift drucken ließ, ja, wenn wiruns recht erinnern, bei Gelegenheit einmal sogar gegen den Gebrauch des fremden latei nischen Druckes eiferte, den lateinischen Typen Bahn brach, die seit dem auch nicht nur von -seinen unmittelbaren und mittelbaren Schülern, sondern auch von den Bearbeitern anderer sprachwissen schaftlicher Gebiete ausschließlich angewendet werden. Auch in ver wandten Disciplinen hat sich der durch eine solche Autorität begrün dete Gebrauch rasch eingebürgert. Es ist bekannt, daß die Schrift bis zum fünfzehnten Jahrhun dert große Anfangsbuchstaben nur zuweilen bei Eigennamen und am Anfänge der Abschnitten, kennt. Dasselbe war bei den dieHand- schriften ersehenden ersten Drucken der Fall. Günther Zainer vo n Augsburg z. B., Johann Zainer von Ulm, Johann Bämler in Augs burg und Mentelin in Straßburg kennen nur kleine Buchstaben, was auch noch am Anfänge des sechzehnten Jahrhunderts z. B. bei Thomas Murner der Fall ist. Auch in der 1522 erschienenen Ucber- setzung des Neuen Testamentes von Luther finden sich keine großen Anfangsbuchstaben der Substantiva, obwohl sie in anderen gleichzei tigen Schriften schon vereinzelt gebraucht werden. Hans Sachs, Pamphilus Gengcnbach wenden sic schon theilweise bei Substanti ven, desgleichen aber auch bei anderen Wörtern an, ans welche sie Nachdruck legen wollen, wozu sie auch Luther in der Uebersetzung der ganzen Bibel 1534 und noch mehr 1545 gebraucht. Die großen Buchstaben vertraten also damals gewissermaßen die Stelle des Un- terstrcichcns in der Schrift oder unseres heutigen gesperrten (durch schossenen) oder cursiven Druckes, zu welchem Zwecke sie gleichzeitig auch in Frankreich und England angewendet wurden. Während man aber dort diesen Gebrauch allmählich wieder cinschränkte und endlich große Buchstaben nur bei Eigennamen und am Anfänge der Sätze zulicß, nahmen in Deutschland die Versalien jedes Jahrzehend mehr überhand und wurden bald bei allen Substantiven angewendet, wo zu unzweifelhaft die Ansicht beitrug, daß das Substantivnm das bedeutungsvollste Wort im Satze sei, das „ Hauptwort ". Zwar stellte noch 1663 Georg Schottel indem Werke: „Ausführliche Arbeit von der deutschen Hauptsprache" die Regel auf: „Alle eige nen Nennwörter (nomins, proxris) und sonst diejenigen, welche einen sonderbaren Nachdruck bedeuten, als Titel, die Tauf- und Zunamen, die Namen der Länder, der Städte, Dörfer, der Völker, der Beam ten, der Festtage rc., dann auch die, so auf einen Punkt folgen, wer den am Anfänge mit einem großen Buchstaben geschrieben", indem er in einer Anmerkung beisetzt: „Es befundt sich zwar, daß Trük- kere (Drucker) fast alle selbständige Nennwörter pflegen mit einem großen Buchstaben am Anfänge zu sehen, es ist aber solches eine freie, veränderliche Gewohnheit bisher o gewesen und Jedem, wie ers hat wollen machen ungetadelt freige stand e n, s o l l a b c r b i l l i g hicrincine grundmassige Ge wißheit inhalts angezogencr Regel beobachtet werden." Trotzdem schrieb er aber alle Substantiva mit großen Anfangsbuch staben, und im Jahre 1709 konnte I. Bödiker in seiner Grammatik die Regel aufstellen, daß alle Substantiva und was an deren Statt gebrauchet wird, mit einem großen Anfangsbuchstaben geschrieben werden müssen. Aber zu allen Zeiten haben sich Einzelne gegen die sen Mißbrauch entweder erklärt (z. B. 1817 ein Ungenannter in dem Allgemeinen Anzeiger der Deutschen, in demselben Jahre Fr. Schubert in einem selbständigen kleinen Werkchen rc.), oder den selben wenigstens nicht angenommen. Trotz des am Ende des sie- benzehnten Jahrhunderts bereits feststehenden Gebrauchs wurden die meisten gleichzeitigen Bibeln ohne große Buchstaben gedruckt, was auch in den meisten Schriften von Christian Weiße sowie in einigen von B rockcs und Hofmannswaldau der Fall ist. Im achtzehnten Jahrhundert ließ, um nur einige der bedeutendsten an- zuführcn, Wieland seine kleineren prosaischen Schriften (1785), seine neuen Göttergcspräche (1791), Voß seine Uebersetzung des Homer ohne große Anfangsbuchstaben drucken, und im neunzehnten Jahrhundert endlich begegnet uns eine ganze Reihe von Männern, freilich nur Gelehrte und Professoren, welche dieser unserer allge meinen Schreibweise nicht huldigen. Obenan unter denselben steht wiederJacob Grimm, der in seinen ersten Werken wohl auch große Buchstaben anwendcte, sich später aber von denselben lossagte. Ob sich später auch noch andere zur Annahme dieser Neuerung bequemen werden, ist abzuwarten, darf aber um so mehr bezweifelt werden, als selbst einige von Jenen, welche anfänglich diesen Ge brauch adoptirt hatten, von demselben bereits wieder zurückgekommen
- Aktuelle Seite (TXT)
- METS Datei (XML)
- IIIF Manifest (JSON)
- Doppelseitenansicht
- Vorschaubilder