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Börsenblatt für den deutschen Buchhandel : 14.09.1868
- Strukturtyp
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- 1868-09-14
- Erscheinungsdatum
- 14.09.1868
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- Deutsch
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213, 14. September. Nichtamtlicher Theil. 2495 Bahnen für den Buchhandel gewinnen in Gegenden, wohin deutsche Bücher sonst nur zufällig und aus Umwegen gelangen konnten. Denn mit der gebotenen Gelegenheit zur Befriedigung literarischer Bedürfnisse stellen sich auch Bücherkäufer ein, und wie sich deutsche Arbeit überall Anerkennung erwirbt, so pflegt der deutsche Buchhan del selbst an solchen Orten Blüthen zu treiben, wo es die Unbekannt schaft mit unserer Sprache anfangs nicht erwarten ließ, und häufig wird ein thätiger Buchhändler zum Studium der letzteren anregend Mitwirken können. Ein solcher Bahnbrecher für den Buchhandel war Hermann Friedrich Münster (gestorben zu Venedig am 6. Juni d. I.), auf dessen Wirken hinzuwcisen wir um so mehr als Pflicht betrach ten, als sich zugleich ein Stück Geschichte des ausländischen Buchhan dels daran knüpft, indem sein Geschäft, wenn nicht das allererste, so doch das erste größere in Italien war, und somit auch für spätere den Weg bereitet hat. Hermann Friedrich Münster war 1817 in Hamburg geboren und hatte, von hochgebildeten Eltern aufs sorgfältigste erzogen, seine erste Fachausbildung in Lübeck erhallen. Im Jahr 1840 kam er nach Wien, wo ihm das weitverzweigte Gerold'sche Geschäft zuerst Ge legenheit zur Erweiterung seiner Kenntnisse bot, und sich sein Blick zugleich auf das große, damals noch so wenig cullivirle Feld des ocsterreichischen Buchhandels lenkte. Als einige Jahre später ihm Gelegenheit zu einer Reise durch Italien geboten war, gewann er Vorliebe für das Land, und wahrscheinlich reifte damals schon der Plan, in welchem er später seine Lebensaufgabe fand: den geistigen Verkehr beider Nationen durch ein buchhändlerisches Etablissement zu vermitteln — ein Gedanke, dessen Verdienst um so höher anzuschla gen ist, als er bei seinen Mitteln und Talenten um einen geschäft lichen Wirkungskreis im VaterlanLe nicht verlegen sein konnte. Nach kurzem Aufenthalt in Hamburg finden wir ihn 1845 in Trieft, und ein Jahr später öffnete er, ausänglich nur versuchsweise, einen klei nen Laden in Venedig auf dem Marcusplatz. Es ist derselbe, nur bedeutend erweitert, den das Geschäft noch heute inne hat, und gern pflegte Münster zu erzähle», daß er die glückliche Wahl dieses Locals dem Rath des damals noch als Kaufmann in Triest lebenden, später ocsterreichischen Handclsministers v. Bruck verdankte. Daß aller Anfang schwer ist, sollte auch Münster erfahren; doch machte sich das kleine Geschäft gar bald bemerkbar, und da die italie nischen College» durch Jnsolidität und Unwissenheit ihm sein Fort kommen erleichterten, so wuchs sein Kundenkreis, zumal als im Herbst 1847 der Congrcß italienischer Gelehrten in Venedig tagte. Doch bald zogen sich finstere Wolken am politischen Himmel zusam men, und die Vertreibung der ocsterreichischen Herrschaft im März 1848 führte nicht nur erhebliche Verluste, sondern auch zeitweilig vollständigen Geschäslsstillstand herbei. Siebenzehn lange Monate harrte die Lagunenstadt, durch ihre Lage begünstigt, in einem tapfern, aber erfolglosen Widerstand aus, und mit diesem Zeitraum peinlichster Ungewißheit, der nur durch die Charakterfestigkeit und den sittlichen Werth des Dictators Manin erträglich gemacht wurde, verband sich mancher Augenblick persönlicher Gefahr, z. B. bei der Beschießung der Stadt im Sommer 1849, sowie in der durch Cho lera und Hungersnoth hervorgerufeuen Nothlage. Nach wiederhergestellter Ordnung entwickelte Münster eine außerordentliche Thätigkeit, und da der Sitz der oestcrreichisch-italie- nischen Regierung nach Verona verlegt worden war, bestimmte ihn dies, dort ein zweites Geschäft zu begründen, wozu im folgenden Jahr »och ein drittes i» Triest angekaufles kam. Die Ausdehnung, welche sein Verkehr auf diese Weise gewann, war seinem Unterneh mungsgeist entsprechend und zugleich culturhistorisch interessant, denn bald hatte er die Genugthuung, seine Kundschaft nicht nur aus der ganzen apenninischcn Halbinsel, sondern auch in den meisten Küsten- städtcn Dalmatiens, der jonischen Inseln und der Levante bis nach Kleinastcn und Aegypten zu zählen. Es ist für die Unermüdlichkeit des strebsamen Mannes bezeichnend, daß er auf seinen beständigen Reisen zwischen seinen drei Geschäften sogar die Stunden der Ueber- fahrt auf dem Dampfschiff thätig auszusüllen pflegte. Doch fehlte es auch jetzt nicht an Ungemach, das ihni die nach der Wiederer oberung Venedigs eingesetzte Militär-Regierung bereitete, und hatte ihn zuvor die italienische Nationalpartei seines Deutschlhums wegen beargwöhnt, so stand er jetzt bei den deutschen Machthabern italie nischer Gesinnung wegen in Verdacht. Eine drückende Handhabung der Censur und Bücherrevision, polizeiliche Maßregelungen in Form von Haus - und Geschäftsdurchsuchungen, ja selbst die Ueberwachung seiner Person auf Reisen mußte er ertragen, und vermochten auch alle diese Kunstgriffe der Ncaction nicht ihn in seinem Wirken zu hemmen, so blieben ihm doch Aufregungen keineswegs erspart, die seine Ausdauer wiederholt auf starke Probe stellten. *) Erst mit der Einsetzung eines Civilgouverneurs für Vcnetien änderte sich dieser Zustand. Im I. 1853 schloß Münster eine äußerst glückliche Ehe mit seiner ihn jetzt betrauernden Frau, Sophie, geb. Schwärzt aus Wien. Zwei Jahre später nahm er seinen Bruder Marimilian als Geschäftsthcilhaber auf, und kurz darauf wurde die Handlung in Verona, 1858 auch das Triester Geschäft verkauft. Der italienische Krieg von 1859 und die folgenden Jahre, welche Venedig, vom neu constituirten Königreich Italien durch eine Mauthlinic getrennt, zuwartend und politisch aufgeregt verbrachte, konnten zwar dem Gedeihen der deutschen Buchhandlung auf dem Marcusplatz nicht förderlich sein, doch hat das Geschäft auch diese schwere Zeit, gleich der letzten Phase von 1866, glücklich Überstauden und sich nach dem Regierungswechsel als Tikreris. äsllrr Rsal oasr» verjüngt. Hermann Friedrich Münster besaß bei einem nicht gewöhnlichen Maß von Bildung ein ansprechendes Aeußeres und gewinnende Um gangsformen, die eine ideale Geistesrichtung durchblicken ließen. Gemüthvoll und heiter, war er ein trefflicher Gesellschafter; im Freun des- und Familienkreise, namentlich auch deutschen Besuchen aus der Heimath gegenüber, hatte sein Auftreten etwas unendlich Liebens würdiges und Wohlthuendes. Im Geschäftsleben von strengen Grundsätzen, blieb er sich in seinem Streben immer gleich, war un ermüdlich thätig, im Glück bescheiden und bei widrigem Geschick von seltener Ausdauer. Wenn dereinst das wiedergeborcne Italien, durch die Segnungen der endlichen Befreiung aus den Fesseln der Unwis senheit und Verrottung und geläutert durch den geistigen Verkehr mit seinen deutschen Grcnznachbarn, sich aus der gegenwärtigen trüben Lage herausgearbeitet haben wird, so wird die Geschichtschreibung auch von dem Namen Hermann Friedrich Münster als dem eines wackern deutschen Mannes Act nehmen müssen, welcher zu dem geistigen Bande, das beide Nationalitäten zu umschlingen begann, an seinem Theil kräftig und bewußt unter tausend Schwierigkeiten unverdrossen und erfolgreich mitgcarbeitet hat. Ehre seinem An denken! (Allg. Ztg.) Die Jubelfeier des rheinisch-westphälischen Kreisvereins am 6. September 1868. In den Ernst des Berufslebens, in die Sorgen und Mühen, die dem Buchhändler den Gang durchs Leben oft recht schwer machen, *) Den Hauptgrund zu diesen Verfolgungen gab eine 1848 bei Münster in Commission erschienene Flugschrift von Heinr. Stieglitz ab, welche, den Abfall von Oesterreich als lait accompli betrachtend, die Italiener über die gleichzeitigen Vorgänge in Deutschland aufklären sollte, und nament lich den Unterschied zwischen Deutschen und Oesterreichern betonte. Die Broschüre (italienisch und deutsch) wurde seiner Zeit in Venedig gratis verthcilt, der ganze Rest der Auflage später vernichtet. 378*
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