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Börsenblatt für den deutschen Buchhandel : 21.02.1883
- Strukturtyp
- Ausgabe
- Band
- 1883-02-21
- Erscheinungsdatum
- 21.02.1883
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- Deutsch
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gerlichen Gesellschaft, die immer noch die Spuren der Verwü stungen des dreißigjährigen Krieges nicht zu verwinden vermochte. Und zugleich war diese Bildlosigkeit der getreue Ausdruck eines geistigen Lebens, dem alle Sinnenfreudigkeit abhanden gekommen schien, und das in schulmäßigcr Abstraction zu vertrocknen drohte. Erst unserem Jahrhundert war ein Umschwung bcschiedcn, und der zuerst von den beiden Unger, dann von Gubitz, Unzel- mann, Vogel zu neuem Leben erweckte Holzschnitt wurde der künstlerische Ausdruck desselben. Nach zwei Seiten hin begann nun das wichtigste aller Jllustrationsmittel seine Mission: es galt einerseits das weite Gebiet der Belletristik, zu welchem wir auch die populäre Geschichtsschreibung, sowie die Schöpfungen der verschiedensten Gattungen der Poesie rechnen, mit künstleri schem Schmuck zu versehen: anderseits den wissenschaftlichen Handbüchern, namentlich den naturwissenschaftlichen und kunst- historischen die zur Veranschaulichung erforderlichen Bilder zu geben. Eine der ersten und bis jetzt noch unübertroffenen künst lerischen Ausstattungen brachte 1840 die Geschichte Friedrich's des Großen von Franz Kugler in den herrlichen nach Adolf Menzel's Zeichnungen ausgeführten Holzschnitten. Seitdem ist, namentlich im Lauf der letzten Jahre, eine wahre Fluth von Illustrationen über uns ergangen; kaum irgend ein Dichter ist von dieser Sturmfluth verschont geblieben; selbst die größten müssen sichs gefallen lassen, zu einer sogenannten Prachtausgabe herzuhalten, die im Wesentlichen darauf hinausläuft, unsere ohne hin von der heutigen Generation nur zu sehr vernachlässigten Classiker durch übertrieben große Formate schier unlesbar zu machen und sie mit anspruchsvollen Bildern von oft sehr zweifel haftem Werthe zu überladen. Kann man sich allenfalls mit solchen Illustrationen bei dramatischen und epischen Dich tungen befreunden, so werden sie meistens in hohem Grade störend, wo der Illustrator bei lyrischen Gedichten sich zwischen den Poeten und den Leser drängt. Wo das zarteste Seelen leben uns in seine intimsten Schwingungen hineinzieht, da kann meistens der Illustrator die Stimmung nur profaniren. In dieser Richtung wird noch jeden Tag drauf los gesündigt. Ich will keine Beispiele nennen, denn Jeder kann sie mit Händen greifen. Aber überhaupt wird gerade auf diesem Gebiete viel zu viel illustrirt. Die Maffenhaftigkeit der Production steht iin umgekehrten Verhältniß zu ihren: Werthe. Man überlege, daß eine gute Illustration zu irgend einer Dichterstelle zu entwerfen, nicht bloß das allgemeine technische Geschick, sondern vor allem ein tiefes Vertrautsein mit dem Dichter und seinen Werken vor- ausjetzt. Bei wie vielen unserer illustrirenden Künstler kann man darauf zählen? Wie ist überhaupt das Niveau der allge meinen Bildung bei einem großen Theile derselben? Was weiß die Mehrzahl von dem fundamentalen Gegensätzen der verschie denen Künste, von dem Unterschiede namentlich zwischen Poesie und Bildnerei? Kann es z. B. etwas Widersinnigeres geben, als jene hochflicgenden dithyrambischen Monologe zu illustriren, in welchem die Jugendmuse Schiller's sich ergeht? Nehmen wir etwa das Gedicht „Laura am Klavier" und denken wir uns da zu eine Illustration (dergleichen ist ja vorgekommen!), wo wir eine Dame im Costüme jener Zeit am Clavier sitzen sehen, während Schiller im Werthercostüme jener Tage sinnend dabei sitzt! Was ist damit für das Verständniß der Dichtung gewonnen? Sicherlich gar nichts, aber sehr viel, ja alles ist für die Stim mung des Lesers verloren, denn die Verse des Dichters sollen und wollen uns hoch über das Specielle der Situation, die ihnen bloß den Anstoß gegeben, in den reinen Aether idealer An schauungen und Gedanken erheben, die Illustration aber zwingt uns auf den nackten Boden der trivialen Thatsache zurück. Von der Macht der Töne aber vermag sie nicht die leiseste Ahnung zu erwecken. Also fort damit! Dasselbe Urtheil müssen wir über die Mehrzahl solcher Illustrationen, wie sie jetzt bei uns gang und gäbe sind, aus sprechen. Aber diese ganze Illustrations-Epidemie, die über uns hereingebrochen ist, droht der ohnehin schon im verhängnisvollen Zunehmen begriffenen Zerstörung und Zersplitterung der moder nen Lesewelt verderblich zu werden. Im Gegensätze zu der früheren bildlosen Zeit, die fast gar keine künstlerische Anschau ung mehr Pflegte, wird jetzt die Fähigkeit der Anschauung förm lich untergraben und abgestumpft durch eine Unmasse von Bildern, die ohne sorgfältige Wahl den Text überschwemmen und gerade zu ersticken. Wer soll denn noch die weihevolle Stimmung, die Sammlung des Gemüthes und Geistes gewinnen, welche dazu ge hört, wenn wir uns mit unfern poetischen Lieblingen im stillen Kämmerlein beschäftigen, Trost, Erquickung und Erhebung aus ihnen zu schöpfen? Weitaus am werthvollsten dagegen sind meisten- theils die Illustrationen in jener Gattung länderbeschreibender Prachtwerke, die eine Specialität unserer Zeit ausmachen. Von der Schweiz und Italien angefangen, weiterhin ganz Deutschland umfassend, hat diese Literatur selbst Spanien, Palästina, Aegypten, Indien in ihr Bereich gezogen und manches Vortreffliche für die Darstellung an Land und Leuten geliefert. Doch sind auch hier die landschaftlichen und architektonischen Bilder den figürlichen in der Regel weit überlegen, denn an den letzteren verräth sich am häufigsten die Unfähigkeit der meisten Holzschneider, die mensch liche Gestalt richtig und mit Verständniß in Formen und Be wegungen aufzufaffen. Hier offenbart sich der Nachtheil, der aus der xylographischen Massenproduction nothwendig hervor gehen mußte: das Heranziehen von vielen ungeübten, künstlerisch mangelhaft vorgebildeten Technikern, welche die Production im Allgemeinen auf ein sehr niedriges Niveau herabgezogen haben. Einen üblen Einfluß üben auch gewisse illustrirte Zeitschriften, die ebenfalls unter dem Bedürfniß der Massenproduction stehen und daher demoralisirend auf den Holzschnitt gewirkt haben und immerfort wirken. Dies alles sind Zustände, die wohl öffentlich zur Sprache gebracht werden sollten, weil allmählich durch sie ein tiefes Sin ken der künstlerischen Anschauung und Anschauungsfähigkeit bei unserem Volke nothwendig herbeigeführt werden muß. Und dies ist ein um so wichtigerer Punkt in unserem Culturleben, als die deutsche Nation, so wie sie sich im Laufe geschichtlicher Pro teste entwickelt hat, in der Feinheit, Schärfe und Untrüglichkeit der Empfindung für künstlerische Eindrücke bedenklich stumpf ge worden ist. Daher thut es bei uns vor allem noth, der An schauung nur Vortreffliches zu bieten, um das ästhetische Ge fühl nach Möglichkeit zu heben. Hier finden sich Aufgaben, die wahrlich der edelsten künstlerischen Kräfte würdig sind. Illustra tionen wie jene köstlichen von Vautier zu Auerbach's Barfüßele, oder jene meisterlichen Anton von Werner's zu den verschiedenen Dichtungen Scheffel s, oder endlich die geistreichen Adolf Menzel's zu Gleist's zerbrochenem Krug — um nur einige der vorzüg lichsten hervorzuheben, sind ein Quell der Erquickung und künst lerischen Erbauung für Jedermann. Unter den culturhistorischen Prachtwerken hebe ich Scherr's Germania und Falke's Hellas und Rom hervor; unter den ethnographischen gibt es, Ebers' Aegypten an der Spitze, eine solche Reihe schöner und gediege ner Schöpfungen, daß unsere Nation an ihnen einen Schatz herz erfreuender Augenweide besitzt. Aber das Bedürfniß der Illustration ist weit über diese Rahmen hinausgewachsen, und hier komme ich nun an die
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