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Börsenblatt für den deutschen Buchhandel : 25.06.1873
- Strukturtyp
- Ausgabe
- Band
- 1873-06-25
- Erscheinungsdatum
- 25.06.1873
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- Deutsch
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In den englischen Druckereien wird um Sätze gestritten und gestriket, die man in Deutschland etwa nur als vorläufiges Zuge- ständniß hinnimmt, um einen Strike, wenn er noch nicht genügend vorbereitet ist, aus kurze Zeit zu vertagen. Wie hier eingeschaltet werden muß, ist der rein kaufmännisch betriebene englische Buchhandel viel unmittelbarer allgemeinen Ge schäftsstockungen ausgesetzt, als dies bei uns beobachtet wird. Es treten bei ihm Stauungen in den Productionsarbeitcn ein, wie sie hierzulande in dein Grade bis jetzt nicht nachzuweisen sind. Der englische Verlagshandel bindet sich auch im Allgemeinen nicht auf so lange Zeit wie der deutsche, sowie er sich überhaupt mit der wissen schaftlichen Literatur, die vor allem solche langwierige Engagements verursacht, nicht so viel zu schaffen macht. So war denn auch der deutsch-französische Krieg, der in Deutsch land keine Verminderung der Thätigkeit verursacht hat, von lähmen den Wirkungen für England begleitet. Eine um so hastigere Thätig keit trat dafür in der zweiten Hälfte 1871 und 1872 ein. Die Buchbinder, welche in England eine bei weitem wichtigere Rolle spielen als in Deutschland: dem Lande der Broschüre, hatten kurz vorher um Arbeit geschrieen, kaum waren sie wieder in voller Be schäftigung, so stellten sie Mehrforderungen. Die Bnchdruckergehilfen folgten, und beide Theile hatten im Wesentlichen Erfolg. Dem ent sprechend gingen die Papierfabrikanten mit ihren Preisen ebenfalls in die Höhe. Bei alledem war die dadurch bewirkte Steigerung der Gesammtproductionskosten für den Verlagshandel nicht höher als 10—15°/,. Allein die Verleger kamen auch hierbei schon um den nöthigen Unternehmergewinn, und die Buchbindermeister und Drnckercibesitzcr gericthen theilwcise sogar durch geschlossene Lie- fernngscontracte in effectiven Verlust. Ein guter Theil Aufträge wanderte in der Folge von London nach Edinburgh, dem zweitwich tigsten Verlagsproductionsorte von Großbritannien. Die Agitation nahm deshalb Edinburgh ebenfalls aufs Korn. Die dortigen Drucker gehilfen verlangten neben einigen andern Vortheilcn einen halben Penny (5 Pf. Reichsmünze) pro 1000 Buchstaben mehr, und als dies abgclehnt wurde, kündigten sie den Strike ordnungsmäßig in 14 Tagen an. Der Strike dauerte vom vorigen November bis Februar d. I.; die Gehilfen brachen ihn dann ab, wie es heißt, auf die Mchrbewilligung von einer halben Krone —2^ Reichsmark Gcwißgcld für die Woche (gsttlock und von einem Penny — 10 Pf. Reichsmünze für die Ucberstundc nach zehn Uhr Abends. Man sieht hiernach, daß in England und in Ansehung der Totalsteigerung binnen zwölf Jahren, selbst in Amerika diese Vorgänge keinen so schroffen Charakter tragen, als bei uns. Man kann hierfür verschiedene Gründe anführcn, u. a. auch den, daß die deutschen Gehilfen mehr nachzuholen hätten, als ihre englischen Kollegen. Einem englischen Blatte entnehmen wir, daß vor der neuesten Mchrbewilligung in Londoner Officincn der Durchschnitts- Maximallohn für die Woche 36 sb.^12 Thlr. und nach diesem Zugeständniß mit Ueberstunden 48 sb. —16 Thlr. war. Das ist, wenn man das theure Londoner Pflaster in Betracht zieht, nach deutschen Begriffen gerade keine Herrlichkeit. Vor dem jüngsten Strike haben in unserer nächsten Leipziger Praxis Setzer bis zu 13 Thlr. die Woche verdient, und nach dem Strike sind uns Wochen- ergebuisse mit Ueberstunden bis 10 Uhr Abends nebst Sonntags arbeit bis zu 22 Thlr. bekannt geworden. Der Chefredactcur der Vossischen Zeitung erklärte schon auf dem letzten Journalistentage zu München, daß einzelne ihrer Setzer gerade so viel verdienten, als die Mitredacteure, nämlich 1000 Thlr. das Jahr, und die! National-Zeitung erklärte bei Besprechung des Leipziger Strikes, daß allerdings auch ihre Setzer vielfach besser gestellt seien, als PrcußischeKreisrichter, aber, fügte das Blatt ungefähr hinzu, es würde auch mehr von ihnen verlangt, als von preußischen Kreisrichtern. Der Grund der stärkeren Ansprüche in Deutschland und ihrer energischen und erfolgreichen Geltendmachung kann auch nicht ledig lich in der Organisation des Gehilfen-Verbandes gesucht werden. Denn diese Organisation ist nicht sowohl der Grund, als die Folge der natürlich vortheilhaften Stellung unserer Buchdrucker-Gehilfen. Die Verbands-Organisation wird sich in ihrem gegenwärtigen An sehen schwerlich länger behaupten, als der Vortheil der Gehilfen- Stellung gegenüber den Druckereibesitzern und ihrer Unternehmer- Kundschaft währt, und diese vortheilhafte Stellung erklärt sich hin länglich durch den Umstand, daß wir in Deutschland, auf diesem Felde wenigstens, mehr Industrie im Coalitionswege zu zer stören haben, denn in anderen Ländern. Wäre unsere Verlags industrie gerade so kurz gebunden wie in England, so würde der Rückschlag wahrscheinlich schon da sein, oder auch, es wäre zu solchen Mehrforderungen gar nicht gekommen. Deshalb darf man die Be ruhigung fassen: ist einmal der große Stock der unter den alten Verhältnissen geplanten Unternehmungen abgcwickelt und der deutsche Unternehmergeist hinlänglich erschüttert, so werden auch bei uns die Forderungen milder und die Strikes seltener werden. Und daß diese Erschütterung eintreten wird, wenn das Gesetz nicht geschickt inter- venirt, daran ist so wenig zu zweifeln als an der Wahrheit des Roscher'schen Satzes: „Mehr als ihm selber die Arbeit werth ist, kann offenbar kein Unternehmer seinen Arbeitern als Lohn geben." Ein namhafter deutscher Philosoph, ein Mann, dessen ganze Welt- und Lebensanschauung einen milden, versöhnlichen Charakter trägt, schrieb über den Leipziger Buchdrucker-Strike: „Der unglück liche Strike mag die Druckcrcibcsitzer wie die Buchhändler schwer drücken. Aber ich glaube, daß sie in der Verweigerung der maßlosen Ansprüche fest bleiben müssen; das ist meines Erachtens die einzige Hilfe gegen das verderbliche Unwesen, da den Arbeitern das Recht, die Contracte gemeinsam zu kündigen und die Arbeit niederzulegen,'nicht wohl entzogen werden kann, ohne in die berechtigte Freiheit des Willens, die jedem Menschen von Natur zusteht, einzugreifen." Die gesperrte Stelle gibt der herrschenden Meinung Ausdruck, daß das Correctiv der Coalitionsfreiheit in der Gegencoalition zu suchen sei. Diese Meinung hat ihre hinreichende Begründung da, wo das Coalitionswesen seinen Ursprung resp. seine moderne Entwickelung und Gestaltung gefunden hat, im Verhältniß des Großcapitals und der Großindustrie zu den Arbeitern, ein Ver- hältniß, das insofern einfach und übersichtlich zu nennen ist, als sich hier Unternehmer und Arbeiter unmittelbar gegenüberstehen und auf beiden Seiten gleichmäßige und compacte Interessen die Schritte und Gegenschritte bestimmen. Geht man aber die Scala des modernen Industrie- und Gewerbelcbens vom englischen Kohlen werksbesitzer bis zum deutschen Buchdrucker-Prinzipal und vom englischen Grubenarbeiter bis zu den Jüngern Gutenberg's durch, so wird man finden, daß das Verhältniß zwischen „Capital" und „Arbeiter" immer complicirter und unähnlicher wird und zuletzt so zu sagen ins Gegentheil umschlägt. Ein Referent der verschiedenen Buchdrucker-Zusammenkünfte, welche in jüngerer Zeit in Eisenach stattgefunden haben, äußerte in diesem Sinne, daß, wenn die Coali tionsfreiheit nicht im voraus für die Bergwerksarbeiter erfunden wäre, Niemand so bald auf die Idee kommen würde, dieselbe für die Buchdrucker-Gehilfen als nothwendig zu erachten. Dieser Aus spruch sagt das, was in anderem Genre aus dem Seufzer eines I kleinen Leipziger Buchbindermeisters hervorleuchtet: „Kein Mensch, ! meinte er nämlich, will mehr Meister und Vertreter des Capitals werden. Kein Wunder! Wäre ich es nicht, ich würde jetzt auch lieber Gehilse bleiben." Wir glauben im ersten Artikel gezeigt zu haben, ein wie verquicktes Verhältniß zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern
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